Ein Ende, das noch keines ist

"Sturz der Räteregierung in München." Wir wissen, dass diese Meldung der Roten Fahne richtig ist, nur der Tag ist der falsche. Am 13. April 1919 erhebt sich tatsächlich die Münchner Garnison gegen die Räterepublik, doch kann sich diese erfolgreich gegen die aufständischen Soldaten verteidigen. Ein Fakt, der in den vielen Irrungen und Wirrungen der Zeit selbst den eigenen Genossen in Berlin verborgen bleibt, die am 15. April vom Ende des kommunistischen Versuches in Bayern berichten - selbstverständlich nicht ohne zu betonen, dass das den schlussendlichen Sieg des Proletariats nicht verhindern wird. Bis die Räterepublik wirklich niedergeschlagen wird, dauert es noch bis zum 2. Mai.

Volltext:

Sturz der Räteregierung in München.

Nürnberg, 13. April. Eine Meldung des 1. Armeekorps aus München besagt: Garnison München hat sich gegen Zentralrat erhoben. Garnison errichtete militärische Diktatur und tritt für Regierung Hoffmann ein. Aktion zur Wiedergewinnung der Hauptstadt eingeleitet, vorläufig günstig. Der Minister des Äußeren der Räteregierung, Dr. Lipp, wurde in eine Irrenanstalt gebracht. Dr. Levien soll geflüchtet sein. Die Spitze der Räteregierung, unter ihnen Landauer, Wagner und Mühsam, sind verhaftet worden. Im ganzen wurden 16 Personen verhaftet.

Weimar, 13. April. Am Sonntag früh wurde in München die Räteregierung durch die Garnison gestürzt. Eine Wiederherstellung kommt nicht in Frage. Die bayrische Regierung hat folgende Proklamation erlassen:

An das bayrische Volk!

Die Münchner Garnison hat die Räteherrschaft in München weggefegt. Das Kartenhaus der fremden Eindringlinge ist zusammengestürzt. Die rechtmäßige Regierung Hoffmann hat sich mit elementarer Kraft durchgesetzt und ist nun auch in München wiederhergestellt. Als Vertreter der Regierung ist mit weitestgehenden Vollmachten der Abgeordneten Vogel aus Fürth nach München entsandt. Seinen Weisungen ist bis auf weiteres unbedingt Folge zu leisten. Es vereinigt in sich die gesamte Zivil- und Militärvollzugsgewalt in München. Alle bisherigen Anordnungen der Räteregierung sind in Unwirksamkeit gesetzt. - Bayern! Haltet treu zur Regierung Hoffmann, vereint alle eure Kräfte, um die Wiederkehr der soeben niedergeworfenen Gewaltherrschaft für alle Zukunft unmöglich zu machen und der Regierung den Wiederaufbau des zerrütteten bayrischen Staates zu ermöglichen! Nur Ordnung und Arbeit führt zum Ziel!

Die Regierung des Volksstaates Bayern.

Der Ministerpräsident: Hoffmann.

Die Räteregierung in München ist gescheitert an der Rückständigkeit der Soldaten, die letzten Endes zurückgeht auf die Rückständigkeit der bäuerlichen Elemente unter den Soldaten. Es ist die Bendee, die sich erhoben hat innerhalb der Münchener Garnison.

Die Bourgeoisie jubelt: Der Gedanke der Räterepublik ist erstickt. Sie jubelt zu früh. Die Niederlage der Räterepublik in München weist das städtische Proletariat gebieterisch auf die Aufgabe: das Landproletariat für den kommunistischen Gedanken zu gewinnen, den Klassenkampf auf das Land zu tragen.

Auch diese Niederlage wird eine Etappe auf dem Wege zum Siege des Proletariats sein.

Johannes Hoffmann, Bayerischer Ministerpräsident 1919-1920

Quelle:

Die Rote Fahne vom 15. April 1919, Nr. 50

In: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/index.php?id=dfg-viewer&set%5Bmets%5D=http%3A%2F%2Fcontent.staatsbibliothek-berlin.de%2Fzefys%2FSNP24352111-19190415-0-0-0-0.xml

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Hoffmann_(Politiker,_1867)#/media/File:Hoffmann_Johannes_1919.jpg

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Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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[AS]Axel Schildt: Die Republik von Weimar. Deutschland zwischen Kaiserreich und „Drittem Reich“ (1918-1933), hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2009.
[BauerBauer, Kurt, Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, u.a. Wien 2008.
[BihlBihl, Wolfdieter, Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918. Chronik - Daten - Fakten, Wien 2010.
[BüttnerBüttner, Ursula, Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933, Stuttgart 2008.
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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