Juden! Wehrt Euch!

Alfred Wiener schlägt in einem langen Aufsatz für das Organ des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Alarm. Eine "Pogromhetze" werde in Deutschland gegen die Juden systematisch verbreitet und vom hasserfüllten Wort zur Gewalttat sei es nicht weit. Wiener trommelt für die Anspannung aller Kräfte des organisierten Judentums gegen diese existenzielle Bedrohung. 1933 wird Wiener emigrieren und im Exil seine publizistische Arbeit gegen den Antisemitismus fortsetzen.

Flugblatt des Centralvereins

Volltext:

Eine gewaltige antisemitische Sturmflut ist über uns hereingebochen, eine Sturmflut, die nicht den physikalischen Gesetzen entsprechend entstanden ist, sondern die unbegrenzte Geldmittel und damit arbeitende, geschickt geleitete Organisationen erregt und gefördert haben und weiter auszudehnen eifrigst bemüht sind. Man verbreitet so gern das Märchen von den ungeheuren jüdischen Reichtümern. Niemals aber sind von jüdischer Seite auch nur annähernd die Mittel aufgebracht worden, welche jetzt von den Antisemiten mit lockerer Hand für ihre dunklen Machenschaften ausgestreut werden. Dunkle Machenschaften! Zwar weise unsere "anständigen Antisemiten" es weit von sich, die Judenfrage mit Flinte und Knüppel zu lösen, aber was bedeuten diese den "Helden der Tat" gegenüber, die auf Flugblättern, mehr oder minder deutlich, und ganz ungescheut in zahlreichen Geheimversammlungen, die Polen und Rumänen um ihre Judenprogrome beneiden und im lieben Vaterlande systematisch darauf hinarbeiten, es ihnen gleichzutun. Deshalb ist die antisemitische Hetze unserer Tage als Pogromhetze anzusprechen.

I. Die Urheber der Hetze.

Die Brutstätte der giftigsten Flugblätter ist der "Ausschuß für Volksaufklärung" in Berlin W. 9, Köthener Straße 45, der seinerzeit mit dem bekannten roten Flugblatt "Nieder mit dem Militarismus - Anfang der Judenherrschaft" auf den Plan trat, seitdem über 20 der verschiedensten Flugblätter in die Welt gesetzt hat und außerdem in häufigen auf den wüstesten Ton gestimmten Versammlungen, zu denen "Juden keinen Zutritt haben", seine Anhänger "aufklärt". [...]

Außer den Bünden sorgen eine Anzahl Tageszeitungen redlich dafür, daß die antisemitische Saat ausgestreut wird und gut aufgeht. Wer berufsmäßig deswegen die Tageszeitung verfolgt, hat den festen Eindruck: Hier ist von einer Stelle aus die Parole ausgegeben, kräftig gegen die Juden zu hetzen. Allen voran schreitet die "Deutsche Zeitung", die immer schon mit dem Antisemitismus - wer kennt nicht Friedrich Lange? - auf Duzfuß gestanden hat, und die jetzt über und unter dem Strich gegen die Juden pogromschürend hemmungslos und unflätig wettert. Auf ihren zweifelhaften Spuren wandelt die "Deutsche Tageszeitung", des Bundes der Landwirte würdiges Organ, deren Redaktion in enger Beziehung zum Reichshammerbund steht. In ihre würdigen der grimme, mit einer Französin verheiratete Alldeutsche Graf Reventlow im politischen, unsere "alten Freunde" Richard Nordhausen und Philipp Stauff im feuilletionistischen Teil emsiger denn je die Juden ab. Die "Tägliche Rundschau" darf hier nicht vergessen werden und Provinzzeitungen, wie z.B. die "Hallesche Zeitung" und die Stuttgarter "Süddeutsche Zeitung", bürgen dafür, daß auch das Reich in allen Teilen der "antisemitischen Aufklärung" nicht entgeht. [...]

II. Das Vorgehen der Hetzer.

Auf die Bearbeitung zweier Volksschichten legen die Antisemiten das Schwergewicht: auf die Arbeiterschaft und auf das Militär. Und das ist von ihrem Standpunkt durchaus folgerichtig. Solange es nämlich den Pogromhetzern nicht gelingt, das gewaltige Arbeiterheer Deutschlands auf ihren Leim zu locken, solange dieses in seiner erdrückenden Mehrheit nicht auf die reaktionäre Fahne schwört, solange werden die antisemitischen Treibereien bei uns niemals wurzelhaften Boden fassen. Und dem Militär müssen die Hetzer natürlich die liebevollste Aufmerksamkeit widmen. Zu Pogromen braucht man Soldaten, die mitmachen oder mindestens untätig zusehen. [...]

Auch wirtschaftlich rüstet man sich gegen die Juden und die - Konsumvereine. Hat man früher (und so noch heute) das "Kauft nicht bei Juden" diesen an die Schaufenster und Ladentüren geklebt, so hat sich jetzt in Magdeburg ein Allgemeiner Wirtschaftsbund gebildet, ein "Hort der vom internationalen Kapitalismus bewucherten deutschen Kleinwirtschaft" (Anbauer, Händler, Verbraucher), ein Schutz gegen zersetzende Mächte (Warenhaus, Konsumverein)". Noch in der zweiten vorläufigen Preisliste bittet der Bund um Rücksicht, daß er keine Waren zu Preisen anbietet, die "jeder Berechnung hohnsprechen". [...]

III. Die Aufreizung zu Pogromen.

Es verlohnt, zusammenzustellen, welche gemeinen Beschimpfungen, welche maßlosen Verleumdungen die Hunderte von verschiedenen Flugblättern und Handzetteln tragen, die in Millionenauflage jetzt durch das Reich flattern. Daß das jüdische Schrifttum in der schamlosesten Weise verfälscht wird, daß aus dem Zusammenhang gerissene Stellen aus religionsgesetzlichen Werken in verlogener Art ausgeschlachtet werden, gehört bei unseren Herren Antisemiten seit alters her zum guten Ton. Der Ritualmord, um der Zeit Rechnung zu tragen, zum Zweck der Ziegenwurstfabrikation, wird wieder einmal uns Juden zur Last gelegt. Seit Jahrzehnten festgenagelte Erfindungen, wie die berüchtigte Rede des "Großrabbiners der Kabbala (!)" werden in Massenauflagen unter das Volk gebracht. Ekelhaft sind die Flugblätter, worin wir als vertierte Wüstlinge mit lüsterner Feder gemalt werden. Eines davon, das von einem fingierten Großdeutschen Frauen-Schutz- und Trutzbund, in Wirklichkeit von dem lieblichen "Ausschuß für Volksaufklärung", herrührt, ist der Oeffentlichkeit übergeben worden. (In der "Umschau" der vorigen Nummer dieser Zeitschrift, D. Red.) Ein anderes, wenig bekanntes, aus derselben Quelle, warnt vor dem "Geschlechtsverkehr mit Juden ... und anderen Rundköpfen" und befaßt sich so eingehend mit dem Bau des weiblichen Unterkörpers, daß einem Ekel und Scham, ob der öffentlichen Darstellung aufkommen. Alle solche Blätter aber "klären nicht auf", sondern reizen in ihrer Wirkung zu Gewalttaten auf, und in unserer Zeit, wo das Menschenleben vielen keinen Pfifferling mehr gilt, ist von Aufreizung zur Tat nur eine Haaresbreite. [...]

VI. Die Bekämpfung der Hetze.

Wenn man über die Maßnahmen des Centralvereins zur Bekämpfung der Pogromhetze ein gerechtes Urteil fällen will, muß man eines nicht vergessen: Der Centralverein ist eine politische Organisation. Das bedingt, daß ein großer und der wichtigste Teil seiner Arbeit der großen Oeffentlichkeit erst dann aufgezeigt werden kann, wenn darauf Geschichte ruht. Ebensowenig wie irgendeine politische Partei oder Organisation daran denken wird, vorzeitig ihre Karten aufzudecken (es müßte sich denn um blutige Dilettanten handeln, die ihrer eigenen Sache das Grab schaufeln), ebensowenig kann der Centralverein nun seinen Freunden in aller Oeffentlichkeit rund und breit erzählen, was er gegen die gewaltigen Anstrengungen seiner Gegner für Arbeit geleistet hat und mit aller Energie unaufhörlich leistet. Wie bei einem schweren Unwetter der Kapitän eines Schiffes bis hinunter zum letzten Schiffsjungen alle ihre Kräfte daran geben müssen, so gilt das auch beim Centralverein. Solche Feststellung soll beileibe kein Eigenlob darstellen; solche Feststellung ist lediglich die Darlegung einer selbstverständlichen Pflichterfüllung für einen Verein, dem eine gewichtige Aufgabe, eine schwere Veranrwortung in dieser Zeit zugefallen ist.

Daß wir allen Ausschreitungen schwererer Art durch Eingaben bei den Behörden, durch mündliche Verhandlungen und durch andere geeignete Mittel entgegentreten, bedarf keines Wortes. Nun aber wegen jeder Beleidigung, wegen jeder Geringfügigkeit zum Kadi zu laufen, aus jeder strafbaren Handlung unserer Gegner eine große Sache zu machen, wie manche unserer Freunde möchten, dies müssen wir ablehnen. Wir schaffen für billiges Geld Märtyrer, und die eigentlichen Drahtzieher der Bewegung bleiben ungeschoren. Und dann liegt es wirklich nicht im Charakter unserer Zeit, sich bei jeder Kleinigkeit hinter Amtsanwalt und Schutzmann zu stellen. Aufklären, das ist die Losung. An aufklärenden Flugblättern und Broschüren, an Zeitungsartikeln und Vorträgen hat es von uns aus nicht gefehlt, soll es nicht fehlen.

Vor allem wichtig für unsere Arbeit ist ein fein ausgebauter Nachrichtendienst, den zu vervollkommnen wir unausgesetzt bemüht sind. Ob er etwas leistet, entscheide der vorliegende Aufsatz.

Unsere ganze Abwehrarbeit aber wird in den Wind getan sein, wenn nicht ein jedes unserer Mitglieder für uns, d.h. für sich arbeitet. Seid auf der Wacht! so rufen wir allen unseren Freunden zu. Ein jeder helfe nach Kräften, ein jeder opfere auch nach Kräften!

Ich schließe mit einem Worte, das ich jüngst in einem pommerschen Flugblattkampfe schrieb:

Wir verlangen keine Bevorzugung und keine Sonderstellung, aber wir verlangen Recht und Gerechtigkeit. Nie aber lassen wir auf unserer Ehre herumtreten, und mit aller Kraft kämpfen wir gegen die, die unsere Existenz und unser Leben gefährden.

Abgeschlossen 30. Juli.

Quelle:

Im deutschen Reich, Nr. 7/8, Jg. 1919

In: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/zoom/2356131

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Central-Verein_deutscher_Staatsb%C3%BCrger_j%C3%BCdischen_Glaubens#/media/Datei:CV_Flugblatt.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
[AB]August Baudert: Sachsen-Weimars Ende. Historische Tatsachen aus sturmbewegter Zeit, Weimar 1923.
[AS]Axel Schildt: Die Republik von Weimar. Deutschland zwischen Kaiserreich und „Drittem Reich“ (1918-1933), hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2009.
[BauerBauer, Kurt, Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, u.a. Wien 2008.
[BihlBihl, Wolfdieter, Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918. Chronik - Daten - Fakten, Wien 2010.
[BüttnerBüttner, Ursula, Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933, Stuttgart 2008.
[DNV]Die Deutsche Nationalversammlung im Jahre 1919 in ihrer Arbeit für den Aufbau des neuen deutschen Volksstaates, hrsg. v. Ed.[uard] Heilfron, Bd. 1 bis 6, Berlin [1919].
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[GrüttnerGrüttner, Michael, Das Dritte Reich 1933-1945 (= Bd. 19, Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte), Stuttgart 2014.
[HildebrandHildebrand, Klaus, Das Dritte Reich, 7. Aufl., München 2010.
[Kessler Tgbb]Harry Graf Kessler. Tagebücher 1918-1937, hrsg. von Wolfgang Pfeiffer-Belli, Frankfurt a. M und Leipzig 1996.
[KittelKittel, Erich, Novembersturz 1918. Bemerkungen zu einer vergleichenden Revolutionsgeschichte der deutschen Länder, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 104 (1968), S. 42-108.
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[PeukertPeukert, Detlef, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Frankfurt a.M. 1987.
[PK]Paul Kaiser: Die Nationalversammlung 1919 und die Stadt Weimar (Weimarer Schriften, Heft 16), Weimar 1969.
[PM]Paul Messner: Das Deutsche Nationaltheater Weimar. Ein Abriß seiner Geschichte. Von den Anfängen bis Februar 1945 (Weimarer Schriften, Heft 17), Weimar 1985.
[ThHB]Thüringen-Handbuch. Territorium, Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995, hrsg. von Bernhard Post und Volker Wahl, Redaktion Dieter Marek (Veröffentlichungen aus Thüringischen Staatsarchiven, Bd. 1), Weimar 1999.
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[VU]Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19, München 2009.
[WinklerWinkler, Heinrich-August, Weimar 1918-1933. Die Geschichte der Ersten deutschen Demokratie, München 1993.
[WirschingWirsching, Andreas, Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft, 2. erw. Aufl., München 2010.

(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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