Blutiger Zusammenstoß in Berlin. Ein Exklusiv-Bericht des BTB

Am Abend des 6. Dezember 1918 war es in Berlin erneut zu Ausschreitungen gekommen, deren Entstehung auf Seiten des Spartakus verortet wurde. Die Ereignisse, die einige Tote und Verletzte kosteten und von Links als "Putschversuch" gebrandmarkt wurden, konnten von einem Mitarbeiter des Berliner Tageblattes beobachtet werden.

Volltext:

Unser H-Mitarbeiter berichtet aus Augenzeuge folgendes:

An der Ecke Chaussee- und Invalidenstraße kam es gestern abend gegen 5½ Uhr zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen bewaffneten Soldaten und Demonstranten der Spartacus-Gruppe, bei dem es leider eine Anzahl Tote und Verwundete gab. Der bedauerliche Vorgang wurde veranlaßt durch eine Protestversammlung von Frontsoldaten, Urlaubern und Deserteuren, die in den Germania-Sälen getagt hatte. Wie wir kürzlich berichteten, waren in einer Liebknecht-Versammlung zwei Leute der bezeichneten Kategorie zu Soldatenräten gewählt worden, deren Mandate aber von der Vollversammlung der Soldatenräte nicht anerkannt worden waren. Um hiergegen Einspruch zu erheben, waren gestern Demonstrationsversammlungen nach den Germania-Sälen, den Andreas-Festsälen und den Brachtsälen des Westens einberufen worden. In den Germania-Sälen sprach ein Soldat Schulz. Seine Ausführungen gingen dahin, daß der jetzige Vollzugsrat von gewissen Elementen befreit werden müßte und daß alle Hebel in Bewegung zu setzen seien, um

die Errichtung einer demokratischen Republik an Stelle einer sozialistischen zu verhindern,

wenn nötig, mit Waffengewalt. Es wurde folgende Resolution zur Annahme vorgeschlagen:

„die Protestversammlung der Versprengten, Frontsoldaten, Urlauber und Deserteure erhebt Einspruch gegen die Vergewaltigung ihrer Interessenvertretung durch die Groß-Berliner Soldatenräte. In der am 30. November stattgefundenen Vollversammlung der Groß-Berliner Soldatenräte wurden unsere Vertreter deshalb nicht anerkannt, weil sie angeblich Anhänger Liebknechts seien. Wir fordern Gleichberechtigung aller politischen Richtungen. Das Verhalten des Groß-Berliner Soldatenrats läuft aber darauf hinaus, politisch unbequeme Richtungen zu maßregeln. Wir fordern für unsere Vertreter Sitz und Stimmrecht im Groß-Berliner Soldatenrat. Wird unsere Forderung zurückgewiesen, so trifft den Groß-Berliner Soldatenrat die Verantwortung für die Folgen. Ferner wird gefordert die sofortige Entlassung sämtlicher Jahrgänge bis zum Jahrgang 1900 und die Einführung einer freiwilligen roten Garde.“

Nach Annahme der obigen Resolution erschien in den Germania-Sälen ein Vertreter der Deserteure, der den in Ems tagenden Frontsoldatenrat besucht hatte. Aufgeregt eilte er auf das Podium und rief in die aufhorchende Menge hinein: „Kameraden! Um 5 Uhr ist der Vollzugsrat verhaftet worden! Offiziere der Reaktion haben unseren Ausschuß festgenommen. Ebert ist zum Präsidenten ausgerufen worden! Wenn ihr jetzt den Saal verlaßt, werdet ihr euer blaues Wunder erleben! Soldaten mit dem Bajonett halten die Straßen besetzt.“ Auf diese Worte erfolgte ein unbeschreiblicher Tumult. Plötzlich schwang sich einer der Anwesenden auf die Bühne und rief in den LäRM: „Kameraden, rächen wir den Vollzugsausschuss. Laßt uns die Reichskanzlerbude stürmen und

Ebert an die nächste Laterne hängen.

Folgt mir nach!“

            Ehe sich nun der Zug auf der Straße ordnete, sperrten Soldatenketten mit aufgepflanztem Seitengewehr die Invalidenstraße nach beiden Seiten hin und die Chausseestraße nach der Südseite hin ab. Unter Absingung des Arbeiterkampfliedes und unter Vorantragen von roten Fahnen näherte sich der Zug der Ecke Invalidenstraße. Da ertönte das Soldatenkommando: „Zusammenschließen! Fertig machen!“ Zugleich wurde den Demonstranten: „Zurück!“ zugerufen. Da dieser Aufforderung nicht entsprochen wurde, ließ man den Zug bis an die Ecke Invalidenstraße herankommen. Hier wurde er mit gefälltem Bajonett nach der Westseite der Invalidenstraße hineingetrieben, was ohne Blutvergießen geschah. Schon glaubte man an einen friedlichen Ausgang der Demonstrationen, als plötzlich mitgeteilt wurde, daß der Zug wiederkomme, und zwar von der Südseite der Chausseestraße her. Er hatte nämlich den Umweg über den Zirkus Schumann genommen und erschien nun hier wieder auf der Bildfläche. Sofort wurde befohlen: „Publikum von der Straße, Straße freimachen!“ worauf alle sich in Sicherheit zu bringen suchten. Als dann die Spitze des Zuges unter Hochrufen auf Liebknecht sich der Ecke der Invalidenstraße näherte, wurden wiederum Kommandos: „Zug zurück!“ gegeben. Da diese Aufforderung keinen Erfolg hatte, setzte Maschinengewehrfeuer, unterstützt von Gewehrfeuer, ein. Eine wilde Panik entstand, und unter lautem Schreien stoben Zivilisten und Soldaten auseinander. Nach kaum zwei Minuten war der Tumult zu Ende. Dutzende von Leuten, die auf der Flucht niedergeworfen und von den Nachstürmenden mit den Füßen getreten worden waren, erhoben sich aus dem Morast und eilten weiter. Bald aber stelle sich heraus, daß zahlreiche Personen durch die Schüsse getötet oder schwer verletzt waren. Die bewaffneten Soldaten nahmen sich der Verletzten und der Toten sofort an, trugen sie nach den nächsten Hausfluren und sorgten für ihre Überführung nach den nächsten Unfallstationen und Krankenhäuser, einige wurden auch auf einen vorüberfahrenden Pferdewagen eines Militärdepots gelegt und Militärlazaretten zugeführt. Die Zahl der Verletzten und Toten ließ sich vorläufig mit Sicherheit nicht feststellen. In der Unfallstelle Eichendorffstraße wurden drei Leicht- und 12 Schwerverletzte eingeliefert, die sodann nach dem Lazaruskrankenhause, der königlichen Klinik und nach dem Militärlazarett in der Scharnhorststraße gebracht wurden. Es handelte sich dabei zumeist um Arbeiter und Soldaten aus dem Demonstrationszug. Die Namen dieser Personen sind festgestellt worden, dich wird ihre Bekanntgabe verweigert. Nach unkontrollierten Gerüchten sind

20 Tote

Zu verzeichnen. Die Redaktion der „Roten Fahne“ wurde gestern abend von den Franzern ausgeräumt und besetzt. Angeblich wurde dabei auch Liebknecht und Rosa Luxemburg festgenommen.

            (Einem Bericht zufolge hat die Verhaftung tatsächlich stattgefunden, die Verhafteten wurde aber wieder freigelassen.)

(…)

Rosa Luxemburg (rechts) mit Clara Zetkin

Quelle:

Berliner Tageblatt vom 07. Dezember 1918, 625:47 (1918), Morgenausgabe, S. 1 f.

In: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/kalender/auswahl/date/1918-12-07/27646518/

 

Bild:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/1f/Zetkin_luxemburg1910.jpg/425px-Zetkin_luxemburg1910.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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[AS]Axel Schildt: Die Republik von Weimar. Deutschland zwischen Kaiserreich und „Drittem Reich“ (1918-1933), hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2009.
[BauerBauer, Kurt, Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, u.a. Wien 2008.
[BihlBihl, Wolfdieter, Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918. Chronik - Daten - Fakten, Wien 2010.
[BüttnerBüttner, Ursula, Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933, Stuttgart 2008.
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[ThHB]Thüringen-Handbuch. Territorium, Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995, hrsg. von Bernhard Post und Volker Wahl, Redaktion Dieter Marek (Veröffentlichungen aus Thüringischen Staatsarchiven, Bd. 1), Weimar 1999.
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[VU]Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19, München 2009.
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[WirschingWirsching, Andreas, Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft, 2. erw. Aufl., München 2010.

(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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