Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ): Und nun zum Wirtschaftsteil...

Die liberalkonservative DAZ galt zu ihrer Zeit als das publizistische Flaggschiff eines demokratischen Konservatismus in Deutschland. Der hier zitierte Wirtschaftsteil der Zeitung bietet einen facettenreichen Überblick. So könne die hohe Nachfrage nach Zigarren nicht befriedigt werden. Eine der Folgen des Verlustes der Kolonien. Auch die Umstellung auf die Friedenswirtschaft ging mit massiven Fluktuationen auf dem Arbeitsmarkt einher.

Und nicht nur die Arbeiter blieben in der Artikulation ihrer Interessen untätig. Die Revolution brachte auch die Arbeitgeber dazu sich straffer als bisher zu organisieren. Selbst einen Zentralen Reichsbürgerrat wolle man als Gegengewicht zu den Arbeiter- und Soldatenräten gründen. Während letztere bald wieder abgeschafft werden sollten, fand diese bürgerliche Räteidee durchaus Einfluss in die Weimarer Reichsverfassung und zwar in Form des Reichswirtschaftsrates. Ähnliche institutionalisierte Interessenvertretungen gibt aus selbst heutzutage. Etwa in Form des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses. Wie in Weimar hat ein solcher Ausschuss freilich nur eine beratende Funktion.

Volltext 1:

Volkswirtschaftlicher Teil

Die Zigarrenpreise. Ueber dieses jetzt so vielbesprochene Thema bringt die „Süddeutsche Tabakzeitung“ einen ausführlichen Bericht, dem wir folgendes entnehmen: Bisher waren 75% der gesamten Produktion für Heereslieferungen beschlagnahmt und zwar mussten neun Zehntel in Sorten zum Fabrikpreis bis zu 120 M pro 1.000 Stück geliefert werden. Die Beschlagnahme ist für den Monat November aufgehoben worden, aber für die folgenden Monate wurde die Einforderung der lieferungspflichtigen Mengen ausdrücklich noch vorbehalten. Die für November erfolgte Freigabe gestattete den Fabriken, die für das Heer bereit gestellten Zigarren, also Sorten zum Ladenpreise von 15-20 pf. ihren Händlerkunden zu  überlassen; hierdurch findet das neuerliche Angebot dieser Preislagen im Kleinhandel seine Erklärung, wobei aber zu bemerken ist, dass diese Sorten fast ausschliesslich aus inländischem Tabak angefertigt sind. Die veränderte Lage hat aber das Gute, dass die Auswüchse des auch in Zigarren nicht auszurottenden Kettenhandels beseitigt werden. Trotzdem muss zum Bedauern des Tabakgewerbes noch auf längere Zeit mit hohen Zigarrenpreisen gerechnet werden, da es noch mehrere Monate dauern wird, bis auch nur geringe Mengen Tabak aus den überseeischen Produktionsländern nach Deutschland kommen. Dieser geringen Einfuhr steht eine enorme Nachfrage in ganz Europa gegenüber, so dass für uns namentlich auch bei dem schlechten Stand der deutschen Währung noch auf längere Zeit hohe Tabakpreise erwartet werden müssen; dazu kommt die gewaltige Steigerung der Löhne und Unkosten bei infolge der Kontingentierung sehr eingeschränktem Umsatze. Anderseits hat schon vor einiger Zeit der „Deutsche Tabakverein“ in der Tagespresse erklärt, dass Zigarren in normaler Grösse im Preise von mehr als 600 M. pro 1000 Stück, also 80 pf. Ladenpreis in das Reich der Phantasie gehören, und er hat den Rauchern den viel zu wenig befolgten Rat gegeben, unberechtigte Preisforderungen sofort den Behörden zur Anzeige zu bringen. […]

Gründung eines Arbeitgeberverbandes der Rheinisch-westfälischen Zementwerke. Gestern fand in Dortmund eine Versammlung der Werke des Rheinisch-westfälischen Zementverbandes statt, welche die Gründung eines Arbeitgeberverbandes der Rheinisch-westfälischen Zementwerke mit dem Sitz in Bochum, Alleestrasse 11, beschlossen hat. Zu den Aufgaben und Zwecken des Verbandes gehört u.a. die Regelung von Fragen, welche das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern betreffen.

Betriebseinstellung in der Rüstungsindustrie. Der Betrieb der Bayerischen Geschützwerke (Krupp) wird vom 1. Dezember ab stillgelegt. Den Arbeitern ist gekündigt worden, trotzdem wird ihnen der Lohn noch für vier Wochen ausgezahlt. Man erwartet, dass andere Rüstungsbetriebe diesem Beispiel folgen werden, wenn ihnen eine Produktionsumstellung nicht möglich ist. […]

Bürger und Bürgerinnen!

Der durch 2000 Vertreter aller in Berlin ansässigen bürgerlichen, sozialen und wirtschaftlichen Verbände und Vereine am 20. November erwählte Groß Berliner Bürgerrat will bei der Reichsleitung und den Behörden die Interessen des Bürgertums unter bewußter Abkehr von einseitiger Klassenpolitik vertreten. Er lehnt jedwede Reaktion ab; vielmehr stellt er sich auf den Boden der vollzogenen Tatsachen und ist davon überzeugt, daß die neue Zeit, die angebrochen ist, auch vom deutschen Bürgertum einen neuen Geist verlangt. Der Bürgerrat ist bereit, die Regierung bei der Bewältigung der gegenwärtigen schweren Aufgaben durch unmittelbare Mitarbeit zu unterstützen.

Der Bürgerrat verlangt nachdrücklich:

  1. die alsbaldige Einberufung einer konstituierenden Nationalversammlung auf Grund des gleichen, allgemeinen, direkten und geheimen Wahlrechts für Männer und Frauen gemäß der Verhältniswahl zwecks Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung sowie der Herstellung von verfassungsmäßigen Zuständen;
  2. den unbedingten Schutz des Eigentums gegen gesetzlose bolschewistische und andere gewaltsame Eingriffe;
  3. die Unterlassung aller die Grundlagen produktiver Wirtschaft umgestaltenden Maßregeln wirtschaftlicher, finanzieller und politischer Art vor ihrer Prüfung und Gutheißung durch die verfassungsgebende Nationalversammlung, vielmehr energische, durchdachte Förderung aller Maßnahmen zur höchsten Entfaltung der Produktivität deutscher Arbeit und Wirtschaft.

Der Bürgerrat hält sich jeder Parteipolitik fern. Er fordert das gesamte deutsche Bürgertum auf, überall in Stadt und Land auf Grund des genannten Programms Bürgerräte aus allen Schichten der Bevölkerung zu konstituieren. Er will hierbei durch Rat und Tat helfen und bittet alle diejenigen, die an der Schaffung von Bürgerräten mitarbeiten wollen, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. […] Alle schon vorhandenen und entstehenden Bürgerräte werden aufgefordert, sich umgehend mit ihr zu verständigen; sie werden sobald als möglich zur Bildung eines Zentralbürgerrates einberufen werden, der das deutsche Bürgertum vertritt.

Bürger und Bürgerinnen sofort an die Arbeit!

Das Bürgertum darf in entscheidender Stunde nicht tatenlos bei Seite stehen und andere allein  über sein Schicksal entscheiden lassen. Bereitet mit allem Nachdruck die Wahlen vor!

Der Bürgerrat von Groß-Berlin

Der geschäftsführende Ausschuß:

Waldemar Koch [DDP, Anm.], Vorsitzender

Wilhelm Kleefeld [Schriftsteller, Anm.]            Curt Köhler [Pfarrer, Anm.]           S. Marx           Carl Rabardt

Volltext 2:

Deutsche Volkswirtschaft

Arbeiterentlassung bei Thyssen. Allen Arbeitern und Angestellten, die erst seit Kriegsbeginn bei der Firma Thyssen gearbeitet haben, sowie allen, die von Mülheim weiter als 15 km entfernt wohnen, ist gekündigt worden. Diejenigen, die sofort ausscheiden, erhalten eine Vergütung von 50 M.

Dringlichkeitsliste für Herstellung von Eisenbahnmaterial. Das Demobilmachungsamt veröffentlicht durch Vermittlung des Deutschen Stahlbundes eine für Eisen- und Stahllieferanten wichtige Dringlichkeitsliste, nach der bei Belieferung zuerst die Lokomotivreparatur berücksichtigt werden soll, an zweiter Stelle der Lokomotivneubau, an dritter die Staatsbahnwagenreparatur und zuletzt der Neubau von Staatsbahnwagen. Das Eisenbahnzentralamt wird alles daran setzen, den Transport vom Eisenproduzenten zur Verarbeitungsstelle zu ermöglichen. [...]  

Aktiengesellschaften.

[...] Berliner Börse vom 5. Dezember. Die nichts weniger als erfreulichen innerpolitischen Verhältnisse veranlassten im Verein mit den masslosen Forderungen der Entente grosses Angebot. Da es an Käufern fehlte und die Banken ihre Interventionsfähigkeit nur zum Teil ausüben konnten, traten grössere Kursrückgänge auf allen Gebieten ein. Selbst der Markt der heimischen Anleihen blieb nicht verschont; 3, 3,5, 4 und 5% Anleihen gaben nicht unwesentlich nach. Am Montanmarkt hatten die Aktien der Bismarckhütte mit 12%, der Phönixgesellschaft mit 11% die grössten Kurseinbussen zu verzeichnen. Schifffahrtswerte eröffneten bis 5% unter letzten Schlusskursen. Empfindliche Kurseinbussen erlitten auch Farbwerte, Elektropapiere und Rüstungsaktien, ferner die von Wien abhängigen Papiere mit Ausnahme der Aktien der Oesterreichischen Südbahn, die als einzige einen höheren Kurs erzielten. In grösserem Umfange wurden auch die Werte des Freiverkehrs und des Einheitsmarktes abgegeben, wo ebenfalls zum Teil empfindliche Kursrückgänge zu verzeichnen waren. Fremde Renten schlossen sich der Abwärtsbewegung an. Tägliches Geld 4 ¼ bis 4 ½ %, Privatdiskont 4% und darunter.

Reichsbankdiskont 5%, Lombardzinsfus 6%.

Amerikanische Kabelmeldungen. New York, 3. Dezember. Der Kriegsamtsekretär Baker schätzt den Wert der zur Streichung kommenden Kriegskontrakte auf 26.000 Millionen Dollar.

Deutsche Allgemeine Zeitung aus dem Jahr 1939

Quelle 1 + 2:

Deutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 618 + 619 / Jg. 58 vom 5.12.1918 (Morgen + Abend)

In: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/kalender/auswahl/date/1918-12-05/2807323X/

 

Bild:
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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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