Emil Barth: "An den Laternenpfahl!"

Nach entsprechenden Anschuldigungen und Angriffen aus der gegnerischen Presse äußert der Volksbeauftragte Emil Barth (USPD) in der Freiheit ähnliche Gewaltphantasien. Freilich suche auch der Sozialismus nur den Frieden, aber in Notwehr sei man zum Äußersten bereit. Solche Texte verdeutlichen die Eskalationsspirale, welche sich durch die nun mehrfach aufgetretenen Berliner Zwischenfälle weiter entwickelte und in die sogenannten Weihnachtskämpfe münden sollte.

Volltext:

Einen Vorgeschmack, wie der weiße Schrecken mit satanischer Lust wüten würde gibt der heutige Leitartikel der „Deutschen Tageszeitung“: „Deutsche Revolution, russisches Geld“.

Ein Herr P.B. ruft nach dem Reichsgericht, d.h. er ruft nach dem Hochverratsparagraphen, d.h. er ruft nach den Köpfen derer, die bei der Revolution an vorderster Stelle standen. Er ruft nach den Köpfen der siegreichen Revolution. Und man mache sich klar, nach wie vielen Köpfen dieser Herr rufen würde, wenn die Gegenrevolution siegte.

Wie und durch welche Ursachen das Telegramm Joffes entstand oder ob, wie ich annehme, eine Mystifikation vorliegt, kann ich nicht sagen: das jedoch kann ich sagen: soviel Worte, soviel Unrichtigkeiten. Ich stehe voll und ganz zu meiner Erklärung und ich erweitere diese Erklärung dahin, daß nach meinem Wissen keiner von den Genossen, die mir Geld gegeben, etwas von den Russen erhalten hat. Ich leugne natürlich auch nicht, monatelang in eminent revolutionärem Sinne tätig gewesen zu sein. Ich leugne nicht, mehrere tausend Schußwaffen und mehrere tausend Handgranaten zur Ausrüstung der Berliner Arbeiterschaft besorgt zu haben. Ich leugne auch nicht, daß diese Waffen durch eine vorzügliche Organisation über ganz Berlin verbreitet gewesen sind. Ich leugne nicht, daß es keine Großbetriebe in Berlin gegeben, die nicht bei dem Ausbruch der Revolution in der Lage gewesen wären, mit ihrer Sturmtruppe an der Spitze der Schutzleute Herr zu werden. Ich leugne nicht, daß, wenn es zum Kampfe gekommen wäre, es viele Opfer gekostet hätte. Ich möchte es mir aber ganz energisch verbitten, von irgendwem und irgendwann mir sagen zu lassen, daß ich im Interesse des Auslandes tätig gewesen sei.

Ich war tätig für die Revolution, für den Sozialismus, für die Menschheit. Ich war tätig, um eine illegale Organisation von vielen Tausenden zu schaffen, die, obwohl sie nicht im Schützengraben lagen, obwohl sie, die angeblich so hohe Löhne bezogen, bereit waren, freudig ihr Leben in die Schanze zu schlagen, um Millionen draußen an der Front das Leben zu retten. Es ist nur bedauerlich, daß dies erst im Jahre 1918 und nicht schon einige Jahre früher geschah. Wäre dies früher geschehen, dann wären Millionen von Menschenleben erspart und Deutschland vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt geblieben.

Das alles ist wahr. Wahr ist weiter, daß von dieser illegalen Organisation die Leitung der U.S.P. erst erfuhr, als daran absolut nicht mehr zu ändern war. Ich kontaktiere gern, daß dann, auch nicht von einem einzigen Bedenken erhoben worden sind, sondern daß sie sich alle voll und freudig der notwendigen Aufgabe widmeten.

Es ist also etwas mehr, was ich heute sage, als was in meiner gestrigen Erklärung stand, und ich scheue nicht zurück vor dem Ruf nach meinem Kopfe, der von dem Organ ausgestoßen wird, dem selbst das Meer von Blut, das der Krieg gekostet hat, den Blutrausch nicht gestillt hatte. Ich möchte aber gleich bemerken, sie mögen etwas vorsichtiger sein mit ihren Aeußerungen. Es war der Fehler aller Revolutionen, daß das Mitleid und die Menschlichkeit sie abhielten, das zu tun, was zur Erhaltung der Sicherheit notwendig gewesen wäre. Und ich möchte hier mit aller Deutlichkeit konstatieren, daß auch in Rußland die Novemberrevolution solange friedlich ohne jeden Terror und ohne jedes Blutvergießen war, solange die Gegenseite ihrem Blutdurst und ihren Machtgelüsten nicht die Zügel schießen ließen. Und unsere blutdürstigen Hyänen, die vier Jahre lang vom Leichenschmause lebten und weit hinter der Front immer nach mehr Blut und Leichen schrien, um aus dem Blute und den Knochen der Ermordeten und Verstümmelten Geld und wieder Geld zu münzen, schreien nur nach unserem Blute, nach unseren Köpfen, um ihren Profit, ihr Allerheiligstes nicht zu gefährden.

Aber sie mögen sich hüten, sie mögen den Schrei nicht allzu laut werden lassen, denn in der heutigen Zeit der Erregung und Erbitterung ist es äußerst leicht, daß sich die Extreme berühren: und sie mögen sich gesagt sein lassen, heute haben wir die Macht und ebenso schädlich wie es für sie ist, daß wir die Köpfe noch auf den Schultern tragen, ebenso schädlich und gefährlich ist es für uns, daß bei ihnen dasselbe zutrifft. Sie mögen sich hüten, schon heute ihre Absichten von morgen allzu klar zu enthüllen: denn keine Macht der Erde kann es dann verhüten, daß dieses Wollen von morgen heute unmöglich gemacht wird.

Sie mögen sich hüten, ihren Terror und weißen Schrecken an die Wand zu malen, sonst könnten sie durch unseren, dann notwendigen, aus Notwehr geborenen Terror vernichtet werden. Ich hoffe und wünsche das nicht! Ich hoffe und wünsche, daß alle einsehen lernen, daß der Zusammenbruch des Reiches territorial, wirtschaftlich und finanziell nur verhütet werden kann, wenn sich alles einmütig um das Banner der Freiheit und des Rechtes, um das Banner des Sozialismus schart. Die anderen mögen sich gesagt sein lassen, daß von dem friedlichen Aufbau und Ausbau des völlig zerrütteten, aus tausend Wunden blutenden Landes das Wohl des deutschen Volkes abhängt, daß wir aber nicht feige genug sind, diese Freiheit und unser Leben leichten Kaufes preiszugeben. Sie mögen sich gesagt sein lassen: Komme, was da wolle, wir fliehen nicht, sondern wir kämpfen, um zu siegen oder zu sterben.

Sie mögen sich gesagt sein lassen, sie alle, die jahrelang in Kriegsbesoffenheit den Mord als des Lebens höchstes Gut gepriesen hatten, um sich nun feige vor den Folgen zu drücken, die die Reichseinheit unterminieren, um ihren Geldsack zu retten, daß es nur unserm Einfluß zu danken ist, daß Ruhe herrscht und daß es nur eines Winkes von uns bedarf, um ihrer entledigt zu sein. Sie mögen sich merken, daß ihr Ruf nach dem Laternenpfahl sehr leicht sie zu dessen erster Zierde machen könnte.

Wir sind zum Frieden gewillt, zum Kampfe bereit!

Emil Barth (links) als Mitglied im Rat der Volksbeauftragten

Quelle:

Freiheit Nr. 48 / Jg. 1 vom 11.12.1918

In: http://fes.imageware.de/fes/web/

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Barth_(Politiker)#/media/File:Rat_der_Volksbeauftragten.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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