Klara Bohm-Schuch: "Die Frauen und die Revolution"

Im Vorwärts erklärt die spätere Abgeordnete der Weimarer Nationalversammlung die Dringlichkeit des Engagements der Frauen in sozialistischen Organisationen, um die Errungenschaften der Revolution zu festigen. Neben der Notwendigkeit der Arbeit von Frauen, die nicht nur überlebenswichtig für viele Familien der Nachkriegszeit sind, erklärt sie weiterhin den Wert von Arbeit zur Selbstbestimmtheit der Frauen. Diese solle auch durch politische Teilhabe der Frauen gesichert werden.

Volltext:

            Der gewaltige Sturm, der das alte Deutschland zerbrach und über Nacht ein neues erstehen ließ, hat auch das Bollwerk niedergelegt, welches die Frauen von ihren Staatsbürgerechten trennte. Bisher war die Frau dem Staate nur verpflichtet, hart und unerbittlich; nun soll es sich zeigen, ob sie trotz der schweren Lasten, welche sie trug, – besonders während dieser vier Kriegsjahre trug, - reif genug ist, ihre Staatsbürgerrechte so auszuüben, wie es in ihrem und in der Gesamtheit Interesse liegt. Es muss sich erweisen, ob die Frauen den Wert der Freiheit erkennen und ob sie dieser Freiheit dienen wollen.

            Wir Sozialistinnen haben unser Ideal, das Land unserer Sehnsucht, über Nacht erreicht. Weit offen stehen die Tore zu dem goldenen Land des neuen Tages. Aber vor den Toren stehen unsere Schwestern zagend, scheu, zweifelnd, und ein Teil von ihnen mit bitteren Weh im Herzen. Ihr Leben lang haben sie gebetet zu Götzen auf goldenen Thronen und können nun nicht begreifen, daß das alles nur noch ein Trümmerhaufen ist. Sie hängen noch heute mit ihrem Wesen in einer Gesellschaftsordnung, die unser Todfeind war, die wir bekämpft und besiegt haben. Alle diese Frauen müssen erkennen lernen, daß das namenlose Elend, welches wir über vier Jahre erduldet haben, doch nur das Werk ihrer Götzen, das Werk des Kapitalismus gewesen ist. Die Vergangenheit ist tot und niemals darf sie auferstehen.

            Damit, daß am 9. November die Deutsche Republik errichtet wurde, ist das Werk der Revolution erst begonnen. Wenn die Wahlen zur Nationalversammlung die Volksmehrheit für die sozialistische Regierung ergeben, dann ist ihr Bestand gesichert, aber vollendet ist sie erst, wenn unser gesamtes Wirtschaftsleben sozialisiert ist, d. h. wenn die Produktionsmittel öffentliches Eigentum geworden sind und im Interesse der Gesamtheit arbeiten. Nur wenn das Werk so systematisch vollendet wird, können die Segnungen der sozialistischen Republik in absehbarer Zeit für die gesamte Arbeiterschaft zur Tat werden.

            Bis zu den Nationalratswahlen muß die sozialistische Regierung sich das Vertrauen der Volksmehrheit erwerben und jeder einzelne muß helfen, daß es geschehen kann. Es darf kein Raum sein für persönliche Gefälligkeiten. Der Sache müssen wir dienen und Gerechtigkeit, nicht Rache soll in unserem neuen Staate wohnen. Gegenrevolutionäre Strömungen dürfen uns nicht beirren, von welcher Seite sie auch kommen mögen. Das gilt ganz besonders für uns Frauen. Wenn wir Sozialdemokratinnen sind, dann wollen wir, daß der sozialistische Staat sich auf Demokratie aufbaut und nicht auf Diktatur.

            Von größter Wichtigkeit ist für die Arbeiterinnen der Ausbau der Sozialpolitik, in diesen Zielen sind wir Frauen uns immer einig gewesen. Es ist jetzt immer wieder – und mit Recht – betont worden, wie wichtig die geordnete Lebensmittelversorgung für die Erhaltung der Revolution ist. Ebenso muß aber betont werden, daß Geld, also Verdienst, notwendig ist, um die Lebensmittel erwerben zu können. Deshalb muß Arbeits- und Verdienstlosigkeit möglichst vermieden werden. Und hier sollte die Regierung vor scharfen Maßnahmen nicht zurückschrecken, um das Privatkapital heranzuziehen. Es ist schon verfügt, daß die Kriegsteilnehmer an die alten Arbeitsplätze zurückkommen. Das ist nur recht und billig. Aber recht und billig ist es auch, wenn den Frauen, die vier Jahre lang das Wirtschaftsleben aufrechterhalten haben, der Verdienst für die nächste Zeit belassen wird, soweit sie gezwungen sind, sich selbst und ihre Familien zu erhalten. Es gibt so viele Kriegerwitwen, Frauen von Kriegsverletzten und junge Mädchen, die für sich selbst sorgen müssen, daß es unabsehbare Folgen wirtschaftlicher, politischer und sittlicher Art haben könnte, wenn sie ohne ausreichenden Verdienst wären. Man soll sie alle nach Hause schicken, wenn ihre Arbeit keine volkswirtschaftliche Notwendigkeit mehr darstellt, die Kinder der Haushalt brauchen die Mutter, sie selbst haben es nötig, auszuspannen, aber es soll verfügt werden, daß ihnen solange wie möglich der Arbeitslohn weitergezahlt wird. Hierbei soll berücksichtigt werden, daß jede Frau auch im Haushalt noch volkswirtschaftlich nützliche und wertvolle Arbeit verrichtet. Man soll diese Frauen nicht auf eine unzureichende Arbeitslosenunterstützung verweisen, die dem Staat und den Gewerkschaften Geld kosten würde, die aber das Privatkapital direkt nicht berührt.

            Würde die Frauenarbeit so zurückgezogen, so würden ohne schlimme Reibungen wohl alle Kriegsteilnehmer wieder an die alten Arbeitsplätze treten können.

            Ehrenamtliche Arbeit sollte nur da verrichtet und verwendet werden, wo sie durch bezahlte nicht ersetzt werden kann.

            Dringend notwendig ist die Regelung des Wohnwesens nicht nur für die heimkehrenden Soldaten, sondern auch für alle die Frauen, welche nur während der Kriegszeit eine Unterkunft gefunden hatten. Keine Frau, kein Mädchen darf durch Hunger und Obdachlosigkeit auf die Straße getrieben werden. Die geschlechtskrank heimkehrenden Männer werden schon so einen ungeheuren Schaden an der Frauen- und Volksgesundheit anrichten. Ist es doch durch die unerhört harten Waffenstillstandsbedingungen auch auf hygienischem Gebiete nicht möglich, die Fürsorge durchzuführen, welche geplant war und sich bei langsamerer Demobilisation hätte durchführen lassen.

            Es gibt keine Frage im politischen und wirtschaftlichen Leben, woran die Frauen nicht interessiert sind, aber es gibt ungeheuer viele, woran sie besonderen Anteil nehmen muß. Deshalb ist es notwendig, daß die Frauen nicht nur wählen, sondern auch mit ihrem Rat gehört werden. Darum sollten die Arbeiterinnen darauf achten, daß in die Betriebsausschüsse und Arbeiterräte auch Frauen gewählt werden.

            Große wirtschaftliche und soziale Ausgaben sollen in den nächsten Wochen gelöst werden, müssen gelöst werden, wenn die junge Republik, wenn die Revolution nicht in Gefahr kommen soll. Und sie können gelöst werden, wenn die Arbeiterschaft sich einig ist. Aufklärend und einigen sollen die Frauen jetzt wirken, das ist ihre große Aufgabe. Sie sollen zeigen, daß auch sie reif geworden sind zu politischem Handeln. Die sozialistische Regierung wollen wir stützen, indem wir die sozialistischen Organisationen stärken.

            Der Zukunft wollen wir dienen mit flammender Seele, indem wir einig arbeiten für das Glück der Menschen auf Erden, für die Ziele der Sozialdemokratie.

Clara Bohm-Schuch

Quelle:

Vorwärts vom 3. Dezember 1918, 35:332a (1918), Abendausgabe, S. 1 f. 

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Clara_Schuch#/media/File:SchuchClara.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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[WirschingWirsching, Andreas, Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft, 2. erw. Aufl., München 2010.

(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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