Leo Rosenberg: "Pogrome und Judenfrage"

Im zionistischen Jüdischen Echo entwickelt der Jurist Leo Rosenberg seine Sicht auf die Ereignisse in Polen. Zunächst sei es unbeschreiblich, in welcher Form dort die neu gewonne staatliche Freiheit für blutige Exzesse an Minderheiten missbraucht werde. Die Pogrome seien nicht von marrodierenden Truppen begangen worden, sondern von allen Teilen der polnischen Bevölkerung und Zivilgesellschaft. Offenbar sollten die Juden gezielt aus dem neuen polnischen Staate ausgeschlossen und vertrieben werden. Hierbei macht Rosenberg eine deutsche Mitschuld an den Ereignissen aus. Es waren schließlich die Besatzungsbehörden, welche in typisch kolonialer Manier versucht hatten, die verschiedenen Minoritäten gegeneinander auszuspielen. Kurzfristig werde die von der internationalen Gemeinschaft erzwungene Durchsetzung eines Minderheitenschutzrechtes wohl Abhilfe schaffen, aber langfristig werde lediglich die Errichtung eines eigenen jüdischen Staates solche Schandtaten verhindern.

Volltext:

Polens Freiheitsbanner ist mit dem Blute der Unschuldigen besudelt, das im Kongreßlande und in Galizien in diesen Tagen in Strömen floß. In den Flitterwochen polnischer Freiheit haben sich weite polnische Volkskreise zu Taten des Hasses und der Unmenschlichkeit hinreißen lassen, die in ihrer Furchtbarkeit das Grauen dieser Zeiten in den Schatten stellen und auch in den Herzen derjenigen Entsetzen auslösen werden, die sich über den Charakter und die Zukunftsaussichten der polnisch-jüdischen Beziehungen keinen Illusionen hingegeben haben. Daß die Verantwortlichkeit auf der gesamten polnischen Öffentlichkeit lastet, ist durch den Umstand erhärtet, daß die breitesten polnischen Kreise, Legionen, Stadtwehre, Turnvereine, Arbeiter, Bürger und Bauern an den blutigen Ausschreitungen beteiligt sind, nicht zuletzt aber durch die ganze offenkundig billigende und beschönigende Haltung der gesamten polnischen Presse und der polnischen Parteien. Um die gegenwärtigen Vorgänge in ihrer ganzen Furchtbarkeit würdigen zu können, muß man bedenken, daß es sich hier nicht etwa um spontane Ausbrüche wilder Haßinstinkte, sondern um einen wohlüberlegten, systematisch organisierten und bereits seit langem angekündigten Ausrottungskrieg gegen die jüdische Volksminderheit dieser Länder handelt.

Überraschend konnte dieser Sachverhalt weder für die Juden selbst, die das Verhängnis unaufhaltsam und unabwendbar herannahen sahen, noch für die Außenwelt sein. Innerhalb des gefährdeten polnischen Judentums wie der jüdischen Volksgesamtheit, nicht zuletzt in den maßgebenden Kreisen der Ententevölker und Regierungen wurde wiederholt auf die unmittelbare Gefahr hingewiesen, die der jüdischen Bevölkerung Polens und Galiziens für den Fall droht, daß diese Gebiete volle Unabhängigkeit erlangen. Es wurde der wohlbegründeten Befürchtung Ausdruck gegeben, daß die wilde Pogromhetze, die sich bereits unter der harten Zucht der fremden Besetzung breit machte, bei der ersten günstigen Gelegenheit in die Tat umgesetzt würde. Von jüdischer Seite ist wenn auch nicht alles, so doch vieles geschehen, um die Weltöffentlichkeit über den wahren Sachverhalt aufzuklären, und es wird auch gegenwärtig dafür Sorge getragen, daß die aus der polnisch-galizischen Erde hinaufschreiende Stimme des Bruderblutes nicht ungehört verhallt und daß es den amtlichen polnischen Preßbureaus im Auslande nicht gelingt, sie in Tintenströmen zu ersticken. An entrüsteten Kundgebungen gegen den gegen die Juden proklamierten Ausrottungskrieg hat es denn auch nicht gefehlt. Die englische Regierung war die erste, die in aller Form gegen die antisemitischen Verfolgungen Einspruch erhob und eine ähnliche Aktion ist auch in Nord-Amerika im Gange, während amtliche Kreise Hollands und der Schweiz bereits Gelegenheit gefunden haben, ihrer Empörung über die polnischen Bluttaten Ausdruck zu geben. Die Gegen- und Notwehraktion von jüdischer Seite ist unzweilfelhaft damit nicht abgeschlossen, und daß sie nicht unwirksam bleiben wird, werden hoffentlich die Polen selbst bald am eigenen Leibe erfahren. Indessen, man ist sich in jüdischen sowohl wie in wohlgesinnten und einsichtigen nichtjüdischen Kreisen durchaus darüber klar, daß alle derartige Gegenaktionen und Protestkundgebungen, so wichtig und unerläßlich sie auch an sich sein mögen, doch so lange ein Schlag ins Wasser bleiben, bis sie nicht von entsprechenden Maßnahmen unterstützt werden. Welcher Art sollen nun diese Maßnahmen sein?

Man muß sich vor allem darüber klar sein, daß es sich bei den blutigen Ereignissen in Polen nicht um spontane und vereinzelte Erscheinungen, sondern um ein System, oder doch um Auswüchse eines Systems, handelt. Die Methode des Pogromwahnsinns ist in dem seit langem bestehenden und in letzter Zeit auch seitens der polnischen Regierungskreise unverblümt zum Ausdruck gebrachten Bestreben begründet, die Juden aus dem Lande zu verdrängen. Die Pogrome bilden ein Mittel, das radikalste und den Massen einleuchtendste, zu diesem Zweck. Das Hauptmittel wird in der systematischen Entrechtung der Juden erblickt. Die Maßnahmen gegen die Pogromhetze, so wirksam und unerläßlich sie auch sind, würden eben nur die Auswüchse, nicht den Kern des Verfolgungssystems treffen.

Es gilt vor allem die bürgerlichen und nationalen Rechte der Juden Polens und Galiziens sicherzustellen. Die Rechtsfrage der Juden Polens ist aufs engste mit dem gesamten Nationalitätenproblem verknüpft und wird auch nur gemeinsam mit diesem eine gerechte und dauerhafte Lösung finden können. Wir wollen nur kurz bemerken, daß das Unterdrückungssystem der Polen die ihr Land durchaus als Nationalstaat wissen wollen, neben den 1 957 000 Juden auch die 618 590 Deutschen, 426 590 Ukrainer, 337 190 Litauer und 30 320 Personen sonstiger Volkszugehörigkeit trifft. Die deutsche Okkupationspolitik, deren Grundsatz die Grundsatzlosigkeit war, glaubte die Rechte der Deutschen in Polen durch gesetzgeberische Extrawürste sicherstellen zu können, während sie die anderen Minderheitsnationen anfangs gegen die Polen auszuspielen den Versuch machte, später aber endgültig dem Polentum auslieferte. Daß in dieser Beziehung mit Halbheiten und Palliativmitteln nichts auszurichten ist -- dieser Erkenntnis wird sich niemand, der nicht an völliger Tatsachenfremdheit leidet, verschließen können. Ebensowenig wird heute jemand behaupten dürfen, daß jede irgendwie geartete Intervention von außen eine „Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates” bedeuten würde. Denjenigen, deren Macht- und Rechtsspruch diese staatliche Selbständigkeit erst ins Leben rief, wird wohl das Recht und die Pflicht zur Einmischung zustehen. Die staatliche Selbständigkeit Rumäniens wurde auf dem Berliner Kongreß von 1878 von den Signatarmächten von vornherein an die Bedingung der Gleichberechtigung der Juden geknüpft. Daß diese Bedingung bis heute nicht erfüllt ist, mag als ein Beweis dafür gelten, daß es mit bloßen moralischen Verpflichtungen und unangebrachter Einmischungsscheu bei schlechtem Willen des Kontrahenten nicht getan ist. Worauf es hier ankommt, ist, daß die Judenfrage des auf der kommenden Friedenskonferenz endgültig zu schaffenden polnischen Staates zu einer internationalen Angelegenheit erklärt und dem Schutze des künftigen Völkerrechts, repräsentiert und gesichert durch den Völkerbund unterstellt wird. Die Internationalisierung der Judenfrage bietet heute die einzige Möglichkeit einer befriedigenden und dauerhaften Lösung. Diese Lösung wird nur durch die Schaffung internationaler Sicherungen möglich, die sich natürlich nicht bloß auf die Judenfrage, sondern auf das gesamte Völkerproblem des polnischen Nationalitätenstaates erstrecken sollen. Nur durch eine grundsätzliche völkerrechtliche Sicherung der bürgerlichen und nationalen Minderheitsrechte wird auch die bürgerliche und nationale Judenfrage einer gerechten und endgültigen Lösung entgegengeführt werden können. Wir bezweifeln nicht, daß dieser einzig gangbare und zielführige Weg zur Völkergerechtigkeit in den kommenden Friedensverhandlungen beschritten werden wird.

Eine derartige internationale Sicherung der jüdischen Volksrechte im neuen polnischen Staat wird unzweifelhaft der akuten polnischen Judenfrage ihre bedrohliche Schärfe nehmen. Es hieße aber sich einer nach den Erfahrungen dieser furchtbaren Zeitläufe doppelt sträflichen Selbsttäuschung hingeben, wollte man glauben, daß von einer derartigen Lösung günstige Wirkungen auf die künftige Gestaltung des polnisch-jüdischen Zusammenlebens ausgehen werden. Und doch kommt auf eine günstigere Gestaltung der inneren Beziehungen zwischen den Völkern alles an. Das Zukunftsbild des jüdischen Lebens in Polen ist von dunklen Schatten umdüstert. Mit wachsender Verzweiflung sehen die Juden der dem neuen Polenreiche anzugliedernden Landesteile dem Tag des Schreckens entgegen, der sie dazu verdammen wird, das Schicksal ihrer Brüder im Kongreßlande und in Galizien zu teilen. Indessen ist wenig Hoffnung vorhanden, daß die Juden Posens dem Verhängnis entgehen werden. Die jüdische Gesamtheit und alle, in deren Herzen noch Gerechtigkeitsgefühl und Menschenliebe lebt, werden sich jedoch die Zuversicht nicht nehmen lassen, daß die Juden Westpreußens und Oberschlesiens, wo die Polen selbst eine Minderheit bilden, vor der Gefahr bewahrt bleiben werden, dem polnischen Gerechtigkeitssinn und der polnischen Blutgier ausgeliefert zu werden.

Pilsudski mit jüdischer Delegation

Quelle:

Rosenberg, Leo, Pogrome und Judenfrage, in: Jüdisches Echo 5:49 (1918), S. 595 f.

In: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/9075306

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Polen#/media/File:Pi%C5%82sudski_with_Jews.jpg

Glossar anzeigen

Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
[AB]August Baudert: Sachsen-Weimars Ende. Historische Tatsachen aus sturmbewegter Zeit, Weimar 1923.
[AS]Axel Schildt: Die Republik von Weimar. Deutschland zwischen Kaiserreich und „Drittem Reich“ (1918-1933), hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2009.
[BauerBauer, Kurt, Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, u.a. Wien 2008.
[BihlBihl, Wolfdieter, Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918. Chronik - Daten - Fakten, Wien 2010.
[BüttnerBüttner, Ursula, Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933, Stuttgart 2008.
[DNV]Die Deutsche Nationalversammlung im Jahre 1919 in ihrer Arbeit für den Aufbau des neuen deutschen Volksstaates, hrsg. v. Ed.[uard] Heilfron, Bd. 1 bis 6, Berlin [1919].
[Ebert/Wienecke-JanzEbert, Johannes/Wienecke-Janz, Detlef, Die Chronik. Geschichte des 20. Jahrhunderts bis heute, Gütersloh/München 2006.
[EK]Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik, 3. überarb. u. erw. Aufl., München 1993.
[EtzoldEtzold, Hans-Rüdiger, Der Käfer II. Die Käfer-Entwicklung von 1934 bis 1982 vom Urmodell zum Weltmeister, Stuttgart 1989.
[GG]Gitta Günther: Weimar-Chronik. Stadtgeschichte in Daten. Dritte Folge: März 1850 bis April 1945 (Weimarer Schriften, Heft 33), Weimar 1987.
[GrüttnerGrüttner, Michael, Das Dritte Reich 1933-1945 (= Bd. 19, Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte), Stuttgart 2014.
[HildebrandHildebrand, Klaus, Das Dritte Reich, 7. Aufl., München 2010.
[Kessler Tgbb]Harry Graf Kessler. Tagebücher 1918-1937, hrsg. von Wolfgang Pfeiffer-Belli, Frankfurt a. M und Leipzig 1996.
[KittelKittel, Erich, Novembersturz 1918. Bemerkungen zu einer vergleichenden Revolutionsgeschichte der deutschen Länder, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 104 (1968), S. 42-108.
[KolbKolb, Eberhard, Die Weimarer Republik, 7. durchges. und erw. Aufl., München 2010.
[NiedhartNiedhart, Gottfried, Die Außenpolitik der Weimarer Republik, 2. aktualisierte Aufl., München 2010.
[O/S]Manfred Overesch/ Friedrich Wilhelm Saal: Die Weimarer Republik. Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur, Düsseldorf 1992.
[Overesch/SaalOveresch, Manfred/Saal, Friedrich Wilhelm, Die Weimarer Republik, Eine Tageschronik der Politik, Wissenschaft Kultur, Augsburg 1992.
[PeukertPeukert, Detlef, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Frankfurt a.M. 1987.
[PK]Paul Kaiser: Die Nationalversammlung 1919 und die Stadt Weimar (Weimarer Schriften, Heft 16), Weimar 1969.
[PM]Paul Messner: Das Deutsche Nationaltheater Weimar. Ein Abriß seiner Geschichte. Von den Anfängen bis Februar 1945 (Weimarer Schriften, Heft 17), Weimar 1985.
[ThHB]Thüringen-Handbuch. Territorium, Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995, hrsg. von Bernhard Post und Volker Wahl, Redaktion Dieter Marek (Veröffentlichungen aus Thüringischen Staatsarchiven, Bd. 1), Weimar 1999.
[TofahrnTofahrn, Klaus W., Chronologie des Dritten Reiches. Ereignisse, Personen, Begriffe, Darmstadt 2003.
[UB]Ursula Büttner: Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933. Leistungen und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Stuttgart 2008.
[VU]Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19, München 2009.
[WinklerWinkler, Heinrich-August, Weimar 1918-1933. Die Geschichte der Ersten deutschen Demokratie, München 1993.
[WirschingWirsching, Andreas, Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft, 2. erw. Aufl., München 2010.

(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen