Harry Graf Kessler: Ein Klub für Freigesinnte wär’s doch!

Kessler plant mit Hilferding, Theodor Däubler und Hugo Simon die Gründung eines Klubs, in dem man sich “unter frei gesinnten Leuten treffen könnte, ohne Bindung an eine Partei.” Zudem sprechen sie über die missliche finanzielle Lage und Kessler erfährt von den Problemen im Militär.

Volltext:

8 Februar 1919. Sonnabend. Berlin.

Vormittags Paul Cassirer gesprochen, der aus Bern zurück ist, ohne Schickele gesehen zu haben, weil Dieser in St Moritz Ski lief. Er brachte daher Nichts von Bedeutung mit. - Mittags frühstückten bei mir Hilferding, Theodor Däubler und Hugo Simon, der frühere Unabhängige Finanzminister. Wir besprachen die Gründung eines Klubs, wo man sich unter frei gesinnten Leuten treffen könnte, ohne Bindung an eine Partei. Die Vollmöllersche Wohnung am Pariser Platz in Aussicht genommen. Den Abbruch des Waffenstillstandes, falls die Entente neue, übermässig harte Bedingungen stellt, verwirft Hilferding entgegen Simons und meine Meinung. Er möchte nur unsere unfähigen Unterhändler, vor Allem Erzberger, ersetzen. Die Truppen im Ostschutz halten Hilferding sowohl wie Simon für unzuverlässig. Däubler schilderte das Elend der geistigen Arbeiter. Er bekäme für einen Artikel im „Jungen Deutschland“ von Reinhardt 20 M., für sein grosses Gedicht auf das Sternbild der Fische in den „Weissen Blättern“ habe ihm Cassirer 60 M als Honorar gezahlt. Er lebe nur von der „Insel“. Diese Misere sei ein Grund, warum so viele junge Intellektuelle zu den Kommunisten übergiengen. – Nachher im Amt. Langwerth bat mich über Bern zunächst mit Romberg zu sprechen, der angekommen ist. Berchem, der aus Kiew zurück ist, sagte, seine Truppen seien mit reissender Geschwindigkeit bolschewisiert worden. Es sei eine nicht aufzuhaltende Epidemie gewesen. - Meyer sagt der Waffenstillstand mit den Polen sei am Widerstande des Kriegsministers Reinhardt gescheitert, trotzdem das Amt sich für den Abschluss einsetzte, und die Militärs militärisch Nichts machen könnten. Heute sei ein Telegramm aus Posen eingelaufen, in dem die Polen heftig protestierten, eine Massenerhebung ankündigten und uns für alle Folgen verantwortlich machten. 

Harry Graf Kessler, Porträt von Max Liebermann (1916)

Quelle:

Reinthal, Angela (Hrsg.), Harry Graf Kessler. Das Tagebuch Siebter Band 1919-1923, Stuttgart 2004, S. 127 f.

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Harry_Graf_Kessler#/media/File:Harry_Graf_Kessler_by_Max_Liebermann,_1916.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
[AB]August Baudert: Sachsen-Weimars Ende. Historische Tatsachen aus sturmbewegter Zeit, Weimar 1923.
[AS]Axel Schildt: Die Republik von Weimar. Deutschland zwischen Kaiserreich und „Drittem Reich“ (1918-1933), hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2009.
[BauerBauer, Kurt, Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, u.a. Wien 2008.
[BihlBihl, Wolfdieter, Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918. Chronik - Daten - Fakten, Wien 2010.
[BüttnerBüttner, Ursula, Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933, Stuttgart 2008.
[DNV]Die Deutsche Nationalversammlung im Jahre 1919 in ihrer Arbeit für den Aufbau des neuen deutschen Volksstaates, hrsg. v. Ed.[uard] Heilfron, Bd. 1 bis 6, Berlin [1919].
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[HildebrandHildebrand, Klaus, Das Dritte Reich, 7. Aufl., München 2010.
[Kessler Tgbb]Harry Graf Kessler. Tagebücher 1918-1937, hrsg. von Wolfgang Pfeiffer-Belli, Frankfurt a. M und Leipzig 1996.
[KittelKittel, Erich, Novembersturz 1918. Bemerkungen zu einer vergleichenden Revolutionsgeschichte der deutschen Länder, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 104 (1968), S. 42-108.
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[PM]Paul Messner: Das Deutsche Nationaltheater Weimar. Ein Abriß seiner Geschichte. Von den Anfängen bis Februar 1945 (Weimarer Schriften, Heft 17), Weimar 1985.
[ThHB]Thüringen-Handbuch. Territorium, Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995, hrsg. von Bernhard Post und Volker Wahl, Redaktion Dieter Marek (Veröffentlichungen aus Thüringischen Staatsarchiven, Bd. 1), Weimar 1999.
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[VU]Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19, München 2009.
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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