Ein demokratisches Preußen entsteht

Eine Woche nach der Wahl der Nationalversammlung findet die Wahl zur verfassungsgebenden Landesversammlung in Preußen statt. Die DDP macht im Berliner Tageblatt Werbung für ein Kreuz an ihrer Stelle und tritt gleichzeitig für die entgültige Abschaffung des preußischen Klassenstaates ein. Dessen bisherige Unterstützer werden auch im weiteren Verlauf der Weimarer Republik eine Rolle spielen. Die Wahlergebnisse selbst sind vergleichbar mit jenen der Wahlen zur Nationalversammlung eine Woche zuvor.

Volltext:

Der heutige Tag bringt die Entscheidung über die Zukunft des preußischen Staates. Zum ersten Male entscheidet das ganze Volk in gleicher und direkter Wahl über sein Geschick. Seit siebzig Jahren hat es diese Stunde ersehnt: jetzt muß es sich der großen Aufgabe würdig zeigen. Es gibt keine Partei mehr, die auch nur anzudeuten wagte, daß sie sich nicht auf den Boden der Demokratie stellen wolle. Beide sozialdemokratischen Parteien haben sich nach einer Zeit bedenklichen Spielens mit der „Diktatur des Proletariats“ zur Anerkennung des demokratischen Prinzips zurückgefunden. Auf der anderen Seite stellen sich auch die Vertreter der Junker, der Schwerindustriellen und der Hierarchie, als hätten sie sich bedingungslos zur Demokratie bekehrt. Sie segeln unter der Flagge von „Volksparteien“, um damit ihre volksfeindliche Konterbande leichter durchschmuggeln zu können. Aber sie wissen selbst, daß sie mit solchen Vorspiegelungen keinen Glauben finden können. Deshalb appellieren sie an alle reaktionären Instinkte, suchen die partikularistische Rückständigkeit gegen den Reichsgedanken auszuspielen und arbeiten mit den ordinärsten Mitteln des Rassenhasses. Solchen Versuchen, die Geister zu verwirren und die Aufmerksamkeit von der Forderung des Tages abzulenken, stellt die Deutsche demokratische Partei die siegreiche Kraft des demokratischen Gedankens entgegen. Im Zeichen der Demokratie ist sie ins Leben getreten, in diesem Zeichen wird sie weiter kämpfen. Die einfache Frage ist heute: Soll der alte preußische Klassenstaat wiederhergestellt werden, oder soll an seiner Stelle ein auf dem Willen des ganzen Volkes aufgebautes neues Preußen entstehen? Wer dieses neue Preußen ernstlich will, wer ebenso den Todessprung in den sozialistischen Staat wie die Rückkehr zur Junkerherrschaft, zum Militarismus und Imperialismus ablehnt, dem ist heute das Verhalten vorgeschrieben. Er hat seine Stimme für die Liste der Deutschen demokratischen Partei abzugeben.

 

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Die Wahlergebnisse

Wahlbeteiligung: 75%

 

SPD: 36,4% und 145 Abgeordnete

Zentrum: 22,3% und 93 Abgeordnete

DDP: 16,2% und 65 Abgeordnete

DNVP: 11,2% und 48 Abgeordnete

USPD: 7,4% und 24 Abgeordnete

DVP: 5,7% und 23 Abgeordnete

Sonstige: 0,8% und 3 Abgeordnete

 

Gesamtzahl der Abgeordneten: 401

Friedrich Naumann

Quelle:

Das Berliner Tageblatt vom 26. Januar 1919, 48:34 (1919), Morgen-Ausgabe, S. 2.

Die Wahlergebnisse nach: Ursachen und Folgen, Bd. 3, S. 92.

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Naumann

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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