Weltbühne: Vom 9. November zum 19. Januar

In der Weltbühne versucht Ludwig Jurisch den Schritt von der Revolution zur Nationalversammlung darzustellen und gibt dabei eine Prognose zur weiteren Entwicklungen der neuen Republik ab. Der Sozialismus habe kurzfristig eine Niederlage hinnehmen müssen, da keine absolute Mehrheit von den beiden sozialdemokratischen Parteien erzielt werden konnte. Des Weiteren führt er seine Vorbehalte gegen den Tagungsort Weimar aus, in deren provinziellen Idylle die Abkehr vom "Geist von Potsdam" nur schwer zu bewältigen wäre.

Volltext:

Durch das Sprachrohr des freiesten aller Wahlsysteme hat sich das deutsche Volk am neunzehnten Januar zu der Umwälzung des neunten November vernehmen lassen. Wer es allerdings durch die Revolution wie durch einen Zauberstab verwandelt glaubte, sieht sich getäuscht; so oder so ähnlich wäre, das Verhältniswahlrecht vorausgesetzt, das Ergebnis wahrscheinlich auch gewesen, wenn sich nie ein neunter November mit Frakturschrift den Tafeln der Weltgeschichte eingeprägt hätte. Aber für die Revolution hat sich das deutsche Volk durch die Wahlen mit erfreulicher Entschiedenheit erklärt; die Unabhängigen, die die Revolution gemacht haben, soweit Revolutionen überhaupt gemacht werden können, die Mehrheitssozialisten, die sie mitgemacht, und die Demokraten, die sie vom ersten Augenblick an begrüßt haben, lassen mit der Gesamtheit ihrer Stimmen und Sitze die andern, verschämt oder unverschämt revolutionsfeindlichen, Parteien weit hinter sich. Durch den Wahlausgang hat die Revolution erst die Weihe erhalten, deren sie für den Spießbürger nun einmal bedarf, sie ist „gesetzlich“, ist „legitim“ und ist sogar, da Volkes Wille als Gottes Wille angesprochen wird, „gottgegeben“.

            Aber ist die Mehrheit für die Revolution da: die Mehrheit für den Sozialismus fehlt. Denn da der berliner Handlungsgehilfe, der die demokratische Liste erkor, vorläufig noch ebenso ein Gegner der Vergesellschaftung der Produktionsmittel ist wie der ostelbische Großgrundbesitzer, der deutschnational stimme, oder der oberbayrische Bauer, der – immer mal wieder – Zentrum wählte, so hat der Sozialismus die Schlacht verloren, wenn der Satz, daß dieser Wahlkampf die klare Entscheidung zwischen zwei unvereinbaren Weltanschauungen: Hie Kapitalismus! Hie Sozialismus! Bedeutete, wortwörtlich zu nehmen ist. Was also tun? Auflösen und von dem schlecht unterrichteten Volk an das besser zu unterrichtende Volk appellieren? Auflösen und auf der Grundlage des dann erst auszubauenden Rätesystems weiter arbeiten? Noch einmal Demokratie oder jetzt Diktatur? In jenem Falle folgen dieselben Wählermassen der Werbetrommel derselben Parteien in kaum veränderter Stärke, höchstens, daß die Sozialdemokratie inzwischen durch einen neuen Spartakusputsch Haare läßt und Stimmen einbüßt und die sozialistische Mehrheit in noch weitere Fernen rückt; in diesem Falle beraubt sich Deutschland der Verhandlungsfähigkeit mit den Gegnern, denn ob die Abneigung der Entente gegen die A.- du S.-Räte den französischen und englischen Generalen erst von dienstwilligen Helfershelfern der deutschen Reaktion eingeblasen ist oder nicht: einer bolschewistischen deutschen Republik zeigen die siegreichen Westmächte ganz gewiß die kalte Schulter. Lebensmittelnot, Rohstoffmangel und Arbeitslosigkeit aber verbieten uns den Luxus, um Verfassungsfragen willen die Friedensfrage in den Rauchfang zu hängen. Es schmeckt bitter, aber es ist nun einmal so, daß  wir uns wegen der Tapetenfarbe unsres Zimmers nicht den Schädel einschlagen dürfen, solange ein Fremder in diesem Zimmer Herr ist und gar die Füße auf unsern Tisch legt.

            Nur zager Kleinmut aber sieht in jeder Nationalversammlung mit nichtsozialistischer Mehrheit von vorn herein den Totengräber der Revolution. Wenn sich Mehrheitssozialisten und Unabhängige zusammenschließen – und das ist bedingungslos die Voraussetzung jeder fruchtbaren Zukunftsarbeit! -, so hat die neue, nein! Die alte sozialdemokratische Partei, die von einst, in dieser Konstituante nicht ganz, doch fast die Mehrheit. Zehn oder zwanzig Sitze weniger als die absolute Majorität aber bedeuten moralisch weit mehr als das nur Zahlenmäßige von soundsoviel Dutzend Mandaten. Dazu hat die Sozialdemokratie als die Partei der Revolution und der ersten republikanischen Regierung eine besondere Schwerkraft, und sie braucht nur zu wollen, um in die etwas geflickten Segel der Demokratie so viel Sturm zu blasen, daß das Schiff der Verfassung, alle reaktionären Klippen meidend, mit rotem statt mit schwarzrotgoldnem Wimpel in den Hafen einläuft. Wollen allerdings muß sie, revolutionärer Wille gehört dazu, unbeugsamer, zielklarer, stahlharter Wille, nur ein Zehntel der dämonisch wollenden Kraft, die im Hirn eines Karl Liebknecht und einer Rosa Luxemburg lebendig war.

            Nicht aber der Wille, der nach Weimar führt! Die Wahl dieses Tagungsortes wurde nicht durch das Kursbuch und nicht durch die Furcht vor Spartacus entschieden, bewahre, sondern soll ein weithin sichtbares Flammenzeichen sein. Erst die Entwicklung Deutschlands von Weimar nach Potsdam, von der Musenrepublik zum Exerzierplatz, jetzt die Rückentwicklung von Potsdam nach Weimar, vom Idol des Imperialismus zum Ideal der Humanität. Aber einmal werden die Foch, Clemenceau und Lloyd George ob solch billiger Sinnbildlichkeit nicht um einen Deut weitherziger und entgegenkommender, als sie schon sind, zum zweiten läßt sich das Rad der Entwicklung nur vorwärts, nicht rückwärts drehen, und zum dritten hat Weimar doch einen verzweifelt muffigen Beigeschmack. Wohl war es Sitz der Musenrepublik, Geistesschmiede unsrer klassischen Literatur du abseits aller schon damals beliebten Gamaschenknöpfigkeit Freistaat seiner Gesittung, aber auch, großes Dorf, in dessen Straßen das Gras wuchs und die Gänse schnatterten, ein Pfuhl des Hofklatsches und Geheimbderatdünkels, ein trostloses Nest der Kleinmeisterei und Spießbürgerei, ein Athen aus der Ferne und ein Abdera aus der Nähe betrachtet, selbst einen Schiller hing bisweilen der weimarer zopf hinten, und Goethes Entwicklung läßt das bedauern nicht zur Ruhe kommen, daß er nicht in einer Stadt mit hohem historischen Wellengang wuchs und wurzelte, sondern eben in Weimar. Und in dieser Idylle der Enge, Begrenztheit und Betulichkeit, in dieser konterrevolutionärsten, weil philiströsesten aller deutschen Städte mit ihren dreißigtausend braven Bürgern soll, ohne Fühlung mit der gärenden Massenstimmung in den Riesenstädten, das Revolutionsparlament den Riß von Deutschlands Zukunft entwerfen! Und es ist doch wirklich ein Chor von phrygischen, nicht von Zipfelmützen, der dieser Nationalversammlung nottäte.

            Oder hätte der Nationalkonvent von 1793 in einem verschlafenen, stillen Flecken weit hinten in der Provinz gleich Gewaltiges geleistet wie auf dem kochenden Vulkan von Paris?

Salle du Manège, Tagungsort des Nationalkonvents von 1792-1793

Quelle:

Die Weltbühne vom 30. Januar 1919, 15:5 (1919), S. 101-103.

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalkonvent#/media/File:Salle_du_Man%C3%A8ge_1.jpg

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Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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