Amerika ist uneins

Im Berliner Tageblatt wird über die Stimmung in den USA zum Friedensvertrag berichtet. Der Rückhalt von Präsident Wilson scheint dort allerdings nicht gesichert zu sein. Gleichwohl gibt es Kunde aus dem Senat, der ein Untersuchungsverfahren gegen sechs New Yorker Banker führt…

Volltext:

Die Niederlage Wilsons

(Telegramme unserer Korrespondenten.)

Haag, 11. Juni.

            Im Senat hat eine neue heftige Auseinandersetzung über den unterschlagenen Friedensvertragsentwurf mit Deutschland stattgefunden. Senator Borah begann aus einem englischen Exemplar den ganzen Tag vorzulesen. Das ermüdete Haus konnte ihn davon nur abbringen, indem es beschloß, daß der Vertrag im ganzen im offiziellen Parlamentsbericht erscheinen soll. Der Senat hat ein Untersuchungsverfahren gegen die sechs New Yorker Bankleute eröffnet, die sich des Verbrechens, diesen Friedensvertrag zu besitzen, schuldig gemacht haben! Ihre Namen sind Morgan, Stuth, Lamont, Davison, Vanderbildt, Warburg, also die Blüte von Wallstreet. Die sofort zur Untersuchung eingesetzte Senatskommission hat zunächst festgestellt, daß das Staatsdepartement in Washington 35 Texte im Safe liegen hatte, aber keinesfalls irgendeine Veruntreuung vorgekommen sei. Inzwischen ist der Name des Journalisten, der die Texte mitgenommen hat, bekannt geworden, es ist der bekannte Herr Grayier Hunt.

            Wilson hat am Montag eine schwere Niederlage erlitten, die er sich selbst zugezogen hat. Der Versuch, die Friedensbedingungen für Deutschland geheim zu halten, war gerade in Amerika nicht durchführbar. In den alliierten Ländern sind die den Wortlaut enthaltenden Texte zwar immer noch schwer erhältlich, aber es war selbstverständlich, daß es gelingen würde, die Exemplare nach New York zu bringen. Die Durchführung der Verabredung der Premierminister, die Friedensbedingungen tatsächlich geheim zu halten, ist in Europa in so hohem Grade möglich gewesen, weil in Frankreich die Zeitungen scharf zensuriert werden und sie sich in England, wenn auch teilweise widerstrebend, dem Wunsche Lloyd Georges fügten. In Amerika haben Wilsons Versprechungen, öffentlich zu verhandeln und keine geheimen Verträge zu schließen, nicht den Boden für diese Gefügigkeit geschaffen. Die Kritik an Wilson, man kann ruhig sagen, die Abnahme seiner Autorität, ist so gewachsen, daß die Vorenthaltung der Friedensbedingungen als Herausforderung wirken mußte. Die „Bitte“ Wilsons an den Senat, ihn bei der Geheimhaltung des Vertrages zu unterstützen, hat alle demokratischen Energien Amerikas entfesselt. Die Abstimmung des Senats ist die erste Kundgebung zu den Friedensverhandlungen. Wilson hatte eine Minorität von 37 gegen 46 Stimmen.

            Die Meinung Amerikas über die Vorgänge in Paris wird von allen, die in der letzten Zeit dort gewesen sind, übereinstimmend als ziemlich erregt, skeptisch und gänzlich ungeklärt geschildert. Es ist nun möglich, daß sich die Strömungen schärfer abzeichnen. Man muß aber festhalten, daß die Erledigung der Shantungfrage und die englisch-amerikanisch-französische Militärkonvention dort auch heute noch mehr Interesse erregen, als Deutschlands Schicksal. Was den Grund für die Geheimhaltung der Verträge angeht, so lassen sich die Meinungen, wie alle Anschauungen über diese Fragen in optimistische und pessimistische teilen. Die Pessimisten nehmen an, daß der Viererrat die gemäßigten Elemente in seinen Ländern nicht mit Waffen gegen diesen Frieden versehen wollte, die Optimisten, daß der Viererrat von Anfang an mit Abschwächung der Bedingungen gerechnet hat und dem Zorn der Extremen für den Fall, daß eine solche „Schwäche“ ratsam sein würde, entgehe wollte. Jedenfalls hat der Viererrat sich wohl freie Hand bewahren wollen, bis alles soweit ist, daß sich wirklich nichts mehr ändern läßt.

            „Sun“ bringt einen außerordentlich bitteren Artikel, in dem gesagt wird, daß der Präsident die Fühlung mit der amerikanischen Politik, die sich über ihn hinaus entwickelt habe, verloren habe. Dieselbe Zeitung teilt mit, daß Clemenceau auch bezüglich der Völkerliga unübersteigbare Schwierigkeiten macht. Das sei ein harter Schlag für Wilson.

US-Präsident Wilson

Quelle:

Das Berliner Tageblatt vom 11. Juni 1919, 48:265 (1919), Abend-Ausgabe, S. 1.

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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[BauerBauer, Kurt, Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, u.a. Wien 2008.
[BihlBihl, Wolfdieter, Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918. Chronik - Daten - Fakten, Wien 2010.
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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