Die guten alten Zeiten

Arthur Eloesser (1870-1938), war ein deutscher Journalist, jüdischen Elternhauses. Aus diesem Grund durfte er sein Studium in Preußen nicht beenden. Nachdem er das in der Schweiz nachholte, arbeitete er für die Vossische Zeitung und die Weltbühne. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste er emigrieren. Eloesser ist bekannt für seine Geschichte der deutschen Literatur, welche als vielleicht erstes wissenschaftliches Werk auch Bedacht auf Lesbarkeit und Erscheinungsform legte.

In diesem Artikel äußert er sich herrlich spitz und ironisch, manchmal aber doch auch ein kleines bisschen wehmütig über die das alte Deutschland mit seinen seltsamen gesellschaftlichen Normen und Verhaltensweisen. Diese Wehmut ist nicht verwunderlich. Für die große Mehrheit der Bevölkerung steht das Kaiserreich nicht nur für militaristischen Größenwahn, sondern ist Kindheits- und Jugenderinnerung. Vergangene friedliche Tage, in denen man für 1 Mark ein Drei-Gang-Menu bestellen konnte. Sie sind endgültig vorbei.

Arthur Eloesser

Volltext:

Aus dem alten Deutschland.

Begegnungen.

Von Arthur Eloesser.

Welches der glücklichste Tag meiner Jugend nächst dem des Abschieds von der Schule war? Ich hatte einen Feind, mit dem ich mich durch viele Klassen hindurch bei jeder Gelegenheit prügelte. Eines Tages hatte ich die Oberhand, ich kniete auf seiner Brust und bearbeitete die verhaßte Fratze mit meinen Fäusten. Da bekam mein Feind Nasenbluten, und als unsere Mitschüler angenehm erregt herbeiliefen, erklärte ich recht gleichmütig und fast nebensächlich: ich habe im nur die Nase blutig gehauen. Denn das war unser Ideal.

In der Obertertia lasen wir den "Wilhelm Tell" mit verteilten Rollen; es war üblich, die Schillerschen Verse mit niedergeschlagenen Augen und mit bedrückter Stimme herunterzuplärren. Als mir der langersehnte Melchthal zufiel und ich Schmerz und Empörung über die Mißhandlung des armen alten Vaters mit einiger Empfindung vorgetragen hatte, bemerkte unser Deutschlehrer mit einer höhnisch verzogenen Nase, als ob er etwas Verdächtiges gerochen hätte: das war ja nu das reine Theater! Viel habe ich verziehen, aber dieses Gesicht nicht.

Als ich in Genf studierte, wurde eine akademische Versammlung abgehalten, die die Wahl eines internationalen Ausschusses der Studentenschaft vorbereiten sollte. Die verschiedenen Landsmannschaften, Engländer, Franzosen, Russen, Rumänen, Serben, Bulgaren, Griechen, hatten ihre besten Redner vorgeschickt, die sich auch alle auf der Tribüne wohl bewährten. Die Deutschen dagegen suchten sich den Vertreter der vornehmsten Verbindung aus, und der hat uns dann auch gründlich blamiert.

Im alten Deutschland besuchen die Familienväter am Abend gern die Kneipe, um von ihren Frauen möglichst ungestört Lieblichkeit, Zucht und Sitte huldigende Lieder zu singen. Einmal fuhr ich durch nordostdeutsches Gelände nach Berlin, und zwar in Gesellschaft eines jungen Paares, das eben die Hochzeitsreise angetreten zu haben schien und das, wie der alte Fontane bei ähnlicher Gelegenheit sagt, sich nur noch vir dem Aeußersten zurückhielt. Der junge Ehemann, das Frauchen beständig auf dem Schoß, brachte es fertig, während der Kußpausen eine große schwarze Zigarre aufzurauchen. Dies vollbracht, griff er zur Tabakspfeife, und Frauchen erbat es sich wie eine Ehre, sie zu reinigen, zu füllen und in Brand zu setzen. Dann rauchte er - nun mit längeren Kußpausen - sein Frauchen an und freute sich mit bindhaft männlicher Heiterkeit, wenn sie husten mußte. Es ist gewiß ein glückliches Paar geworden.

Wenn man im alten Deutschland von der Hausfrau gefragt wurde: "Wünschen Sie Tee oder Kaffee?", so durfte man nicht erwidern: "Bitte Tee", oder "Bitte Kaffee", sondern man mußte die Entscheidung ablehnen ungefähr mit den Worten: "O bitte, ich trinke beides gleich gern", oder: "O, danke, was Ihnen bequemer ist", oder "O bitte, danke, was Sie selbst lieber trinken".

Im alten Deutschland hielt man Umständlichkeit im privaten Verkehr für Höflichkeit, Umständlichkeit in der Amtssprache für Würde. Aber im Mecklenburgischen las ich einmal an der Wand einer gewissen Anstalt statt des langweiligen Gebots "Man bittet die Kleider usw." den einfachen und gewiß wirksamen Anruf: Hosen zu!

Wenn man im alten Deutschland von jemand auf den Fuß getreten und hinterher noch mit einer Grobheit bedient wurde, so mußte man diese Verkehrsform richtig verstehen; auch die Grobheit bedeutete eine Entschuldigung oder Wiedergutmachung.

Im alten Deutschland gab es schon eine Menge Kulturträger; bei einem der anerkanntesten war ich einmal zu Gaste. Es gab ein leichtes Abendbrot, nicht zu gut und nicht zu schlecht, nicht zu viel und nicht zu wenig, alles genau gemessen und gewogen, alles mit der Bedeutung verabreicht: so maßvoll lebt der Kulturträger, auch wenn er das Unglück hat, reich zu sein. Und so empfahl ich mich auch, bevor ich meinen Stuhl recht warm gesessen hatte.

In einem Badeorte machten wir die Bekanntschaft eines schlichten und sehr liebenswürdigen älteren Herrn, der sich in die Hotelliste als "Beamter E." aus Berlin eingetragen hatte. Nachdem es einem Badegast, der nicht gern anstoßen wollte, endlich festzustellen gelungen war, was der ältere Herr "eigentlich" sei, wurde er, seinem entdecktem Range gemäß, nur noch Exzellenz genannt. Und so kam der arme Mann um die Hälfte seiner Erholung.

Als Frau Professor Lehmann sich von ihrem Manne scheiden ließ, wollte sie auch gar nichts mehr von ihm wissen; nur seinen Titel nahm sie in den Stand der Freiheit hinüber, nannte sich weiter Frau Professor und nach seiner nächsten Beförderung selbstverständlich auch Frau Geheimrat.

vor einer Münchener Bierstube las ich, natürlich vor dem Kriege, folgenden Anschlag: Mittagstisch (2 Gänge) 0,75 M., Menu (3 Gänge) 1,00 M., Diner (4 Gänge) 1,25 M.

Nun wird man wohl nicht mehr seinem Sohne zu sagen brauchen: Mach deinen Diener!

Quelle:

Vossische Zeitung Nr. 322 vom 27.6.1919 (Abend)

In: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/kalender/auswahl/date/1919-06-27/27112366/

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Eloesser#/media/Datei:A_Eloesser_vor_1905_.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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