Tag der Entscheidung

Die Nationalversammlung muss über Annahme oder Nicht-Annahme des Versailler Vertrages entscheiden. Das neue Kabinett aus MSPD und Zentrum unter der Führung Gustav Bauers (MSPD) stellt sich dem Plenum. Reichskanzler Bauer verteidigt die Notwendigkeit der Unterzeichnung in einer emotionalen Eröffnungsrede. Gerade mal einen Tag im Amt sieht er sich schon am Ende seiner Kräfte. Man kann es verstehen. Die Verantwortung lastet tonnenschwer.

Volltext:

Meine Damen und Herren! Der Herr Reichspräsident hat mich mit der Bildung des neuen Kabinetts an der Stelle der zurückgetretenen Regierung Scheidemann beauftragt. Ich kann als deren bisheriges Mitglied dem alten Kabinett keine Anerkennung zollen, kann aber die ausscheidenden Mitglieder, insbesondere den früheren Ministerpräsidenten Scheidemann, nicht ohne Worte warmen Dankes für ihre hingebende, aufopfernde Tätigkeit scheiden lassen,

(bravo!)

ein Dank, der auch die Arbeit der Friedensdelegation in ihrer Gesamtheit einschließen soll.

(Bravo!)

Der Rücktritt des Kabinetts ist erfolgt, weil eine einheitliche Haltung gegenüber dem uns vorgeschlagenen Friedensvertrage nicht ermöglicht werden konnte. Die Ansichten der einzelnen Kabinettsmitglieder standen einander unvereinbar gegenüber, nicht nach Parteien getrennt, sondern nach dem Verantwortungsgefühl jedes einzelnen Ministers. Mitten durch die regierungsbildenden Parteien, und zwar durch jede einzelne, ging dieser Zwiespalt, trennte diese Frage, was für das deutsche Volk unerträglicher und zerstörender wirken müsse: die Annahme oder die Ablehnung.

[…]

Und nun, meine Damen und Herren, wird Ihre erste Frage, die Frage der Stunde sein: wie steht dieses Kabinett, wie stehen diese Männer zu dem Problem des Friedensschlusses? Was ist ihre Antwort im Namen Deutschlands? Ja oder nein?

Die Reichsregierung kann es nur zu gut verstehen, wenn angesichts der Friedensbedingungen unserer Gegner eine helle Empörung den einzelnen wie die Gesamtheit fortreißt, und daß diese Empörung sich Luft machen muß. Aber wenn ich bei der Übernahme meines schweren Amtes eine Bitte aussprechen darf, so ist es die: lassen Sie Annahme und Ablehnung nicht zur Parteisache werden! Glauben Sie auf der einen Seite nicht, die Befürworter der Ablehnung seien volksfremde Chauvinisten oder gar Interessenpolitiker, die ein Vorteil der Klasse oder des Geldbeutels zur Verweigerung der Unterschrift veranlasse. Und glauben Sie auf der anderen Seite nicht, daß die Männer und Frauen, die sich notgedrungen und unter Selbstüberwindung zur Annahme bekennen, feig und schlapp seien oder am Ende kein Gefühl für nationales Selbstbewußtsein hätten! Wer sich ernsthaft, mit ganzem Herzen mit der Prüfung der Frage beschäftigt hat, ob zu unterschreiben sei oder nicht, der weiß, wie ungeheuer schwer die Entscheidung ist. Auf beiden Seiten stehen eine Menge gewichtiger Gründe, die kein verantwortungsvoller Mensch überhören kann. Heute nun ist der Tag der Entscheidung, heute müssen sich die Wege zum einen und zum anderen Ziele voneinander trennen. Die Zeit der Erwägung und der Abwägung ist vorüber; die Stunde des Handelns ist gekommen und damit auch die Stunde der Verantwortung.

[…]

Die Äußerungen der Parteien der Nationalversammlung, welche über die Mehrheit der Stimmen verfügen, lassen kaum einen Zweifel, daß diejenigen in der Minderheit sind, welche die Zukunft unseres Volkes durch eine Annahme schwerer zu gefährden glauben als durch eine Ablehnung. Dem muß eine Regierung Rechnung tragen, die das Volk nicht nach 48 Stunden vor eine neue, vielleicht tödliche Krisis stellen will.

(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)

Denn die Ablehnung wäre keine Abwendung des Vertrages.

(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)

Ein Nein wäre nur eine kurze Hinausschiebung des Ja!

(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)

Unsere Widerstandskraft ist gebrochen; ein Mittel der Abwendung gibt es nicht.

[…]

Im Namen der Reichsregierung, meine Damen und Herren, habe ich daher zu erklären, daß sie in Würdigung aller dieser Umstände und vorbehaltlich der Ratifikation durch die Nationalversammlung sich entschlossen hat, den uns vorgelegten Friedensvertrag unterzeichnen zu lassen! Sie wird diese Vollmacht erteilen, indem sie den Gegnern unumwunden erklärt, kein Volk, auch keine der alliierten und assoziierten Mächte könne dem deutschen Volke zumuten, einem Friedensinstrument aus innerer Überzeugung beizustimmen, durch das lebendige Glieder vom Körper des Deutschen Reichs ohne Befragung der in Betracht kommenden Bevölkerung abgetrennt, die deutsche Staatshoheit dauernd verletzt und dem deutschen Volke unerträgliche wirtschaftliche und finanzielle Lasten auferlegt werden sollen.

(Sehr richtig!)

Wenn sie dennoch unter Vorbehalt unterzeichnet, so betont sie, daß sie der Gewalt weicht, in dem Entschluß, dem unsagbar leidenden deutschen Volke einen neuen Krieg, die Zerreißung seiner nationalen Einheit durch weitere Besetzung deutschen Gebietes, entsetzliche Hungersnot für Frauen und Kinder und unbarmherzige längere Zurückhaltung der Kriegsgefangenen zu ersparen.

[…]

Meine Damen und Herren! Ich bin am Ende. Wer so über die düsterste Stunde im Leben seines Volkes reden muß, der scheut sich fast vor dem Vorwurf der Schönfärberei, wenn er seinen Glauben an eine Aufhellung, an die endliche Verwirklichung einer besseren Zukunft zum Ausdruck bringen will. Aber ich bin der Überzeugung, in der deutschen Republik könnte keiner im Amt oder im Erwerbsleben, in der Politik oder in der Wissenschaft mehr eine Hand rühren, wenn ihm der Glaube an das deutsche Volk nicht geblieben wäre.

(Bravo! bei den Sozialdemokraten.)

Wir stehen vor Arbeitsjahren für fremde Rechnung wie nie ein Volk vor uns. Wir haben vor unseren Kindern und Enkeln die Verpflichtung, Deutschland zusammenzuhalten, soweit es uns geblieben ist. Wir müssen in der Verwirrung dieser Freiheit sicherstellen, unbekümmert darum, ob uns Schwärmer oder Wirrköpfe in diesem wahrhaft demokratischen Bestreben verstehen oder nicht. Nur dank einer Vertragstreue bis zur Grenze unseres Könnens, nur aus aller Entschlossenheit zum Zusammenbleiben in der deutschen Schicksalsgemeinschaft, nur im Willen zur Arbeit in allen Schichten, nur mit Disziplin – so schlimm das Wort heute vielen klingt – und Pflichtbewußtsein kann aus dieser Stunde noch eine Zukunft für uns erwachsen.

(Bravo!)

Es gibt keine Wundermittel und keine Märchen für die Gesundung eines Volkes. Selbst die Weltrevolution kann der Krankheit nicht abhelfen, an der wir hinsiechen. Nur der Revolution unseres sittlichen Bewußtseins wird und muß es gelingen, daß wir aus Nacht und Finsternis zu einer besseren Zukunft emporsteigen.

(Beifall bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.)

Gustav Bauer

Quelle:

Stenographische Berichte der Verhandlungen der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung, 40. Sitzung am 22. Juni 1919.

In: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000011_00384.html

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Bauer#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-J0113-0500-001,_Gustav_Bauer.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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