Thomas Mann über den Ententefrieden
Mann berichtet von Schwierigkeiten bei seiner Dichtkunst und natürlich beschäftigen ihn die Friedensverhandlungen mit der Entente. Außerdem plagen ihn Kopfschmerzen, weswegen er mehrmals spazieren geht und von seinen Eindrücken in der Stadt berichtet.
Volltext:
Freitag den 9.V.
Sonniger Frühlingstag. Telephonierte mit Preetorius über Namenssammlung für den Aufruf an die bürgerliche Welt. Er drückte sein Entzücken aus über die erste Hälfte des »Ges. v. Kn.«, die E. v. Kahler ihm mitgeteilt. Benutzte meine Freude darüber, um die Korrektur der »Taufe« zu besorgen, stieß aber gegen Ende auf einen allzu offenbar schlechten Hexameter, den ich durchaus nicht zu verbessern weiß. - Im bloßen Anzug zur Stadt, um im Wohnungsamt vorzusprechen. Bar. Schreck, auf der Tram, riet mir ab, und ich verspätete mich dann auch. Herrliches Wetter. Sah die Kugelspuren am Justizpalast u. an der protest. Kirche. Anschlag, daß der Ententefriede vom Regierungskabinett einstimmig für unerfüllbar und unerträglich erklärt worden. Aufruf an die Nation. Einberufung des Parlaments. Kaufte Zeitungen und besuchte Jaffe, wo ich einen Band Pelladan u. den »Untergang des Abendlandes« bestellte. Zu Fuß nach Hause. Husaren, zu Fuß, mit Sturmhaube, die sehr kleidsam ist, rückten mit Musik durch die Ludwigstr. ein, u. ich ging mit ihnen die Prinzregentenstr. hinunter. An den Fenstern tücherschwingende Leute. - Trug vor Tische Lisa eine Weile umher. Der kleine Mischa, der recht elend aussieht, war viel auf der Terrasse. – Eliasberg gab Nachricht. Die » Litteraturen« mit meinem Enquêten beitrag kam. - Kopfschmerzen und Herzklopfen. Nach dem Thee, bei dem ich K. aus den »Nachrichten« von der Ablehnung und den Berliner Reden vorlas, Besuch eines Fräulein Grosse, die vor Frauen Vorträge im Sinne des heute in extenso veröffentlichten Aufrufs gehalten haben will. Kopf schmerzen. Ging eine Stunde langsam spazieren, bei klarem Himmel, Kühle u. einem in der Dämmerung laternenhaft wirkenden Mond. Abends Beschäftigung mit dem Ententefrieden, den von der Leipziger Bücherei gesandten Drucken (las das Facsimile von Kleists »Germania an ihre Söhne«) und mit dem von Fischer gekommenen Wolfenstein'schen Jahrbuch » Die Erhebung«, das ich gut thue, mir rasch wieder aus dem Sinn zu schlagen. Fühle mich in dieser Sphäre verachtet u. kann nicht umhin, jedes Wort als persönliche Feindseligkeit zu empfinden. - Ernst Feist-Wollheim schickte fürchterlich schlechte Gedichte als Luxusdruck.
Quelle:
de Mendelssohn, Peter (Hrsg.), Thomas Mann. Tagebücher 1918-1921, Frankfurt am Main 1979, S. 231 f.
Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Versailles#/media/File:Vue_aérienne_du_domaine_de_Versailles_par_ToucanWings_-_Creative_Commons_By_Sa_3.0_-_073.jpg

