Wider den „Ententekapitalismus“!

Der Jurist Werner Peiser verfasst im Vorwärts einen Appell an die Sozialdemokraten aller Länder. Er sieht aufgrund der wirtschaftlichen Bestimmungen des Friedensvertrags eine enorme Gefahr für das Bestehen des Proletariats und äußert die Angst, dass gerade die Arbeiterschaft die Folgen des Friedensvertrags zu spüren bekommen werde. Seine Forderung an die Arbeiter aller Länder lautet: Solidarität.

Volltext:

Was wird aus der Partei?

Von Dr. Werner Peiser.

            Die Zukunft der Deutschen Republik sowie des deutschen Proletariats, die beide durch den Friedensvertrag zu gewärtigen haben, ist von der politischen wie von der wirtschaftlichen Seite bereits so gründlich durchleuchtet worden, daß eine nochmalige Betrachtung neue Gesichtspunkte zu fördern nicht imstande wäre. Es soll deshalb hier lediglich die Zukunft der deutschen Sozialdemokratischen Partei, wie sie sich voraussichtlich nach Erfüllung eines ungeänderten Friedensvertrages gestalten würde, untersucht werden.

            Die Sozialdemokratie beruht als Partei auf dem Vorhandensein einer starken Lohnarbeiterschaft, eine solche aber ist nur in einem vorwiegend industriellen Staate in ausgedehnterem Maße vorhanden. Wenngleich die Vorläufer des Sozialismus bis ins ferne Altertum hineinragen, so kann man doch von einer eigentlichen Arbeiterpartei erst mit der Entstehung des Proletariats reden, das seinerseits in seiner heutigen Form erst mit dem Beginn der kapitalistischen Aera, die in die Anfänge des 17. Jahrhunderts hervortritt, um so stärker wächst die Arbeiterschaft bis sie endlich die ihr angemessenen Organisationsformen findet und sich zur Partei zusammenschließ. Das Bestehen dieser Sozialdemokratischen Partei ist in Gefahr. Der Friedensvertrag, der uns schwerste wirtschaftliche Bedingungen auferlegt, wird zur notwendigen Folge eine wesentliche Einschränkung unserer industriellen Produktion herbeiführen und eine Abwanderung der Industriebevölkerung aufs Land bedingen.

            Hier könnte nun der Einwand erhoben werden, wenn die Sozialdemokratie mit dem Aufhören einer Lohnarbeiterschaft ihre Existenzberechtigung verliere, wie sei dann überhaupt die Einführung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung möglich, welche ja gerade die Beseitigung des Lohnarbeitersystems zu ihrem wesentlichen Inhalt und Gegenstand habe? Müsse die Sozialdemokratie nicht nach dieser Theorie mit der Beseitigung der kapitalistischen Produktionsweise zusammenbrechen? Auf diesen Einwand ist zu erwidern:

            Die Sozialdemokratische Partei ist nicht Selbstzweck, sondern sie ist nur Mittel zur Erreichung des Zieles, das sich sozialistische Gesellschaft nennt; hat sie dieses Ziel erreicht, so löst sie sich allerdings automatisch auf, weil ihre Voraussetzungen entfallen sind. Von diesen Voraussetzungen aber ist keine erfüllt, wenn das kapitalistische Lohnarbeitersystem nicht durch ein sozialistisches ersetzt, sondern durch eine erzwungene Landabwanderung nur zum geringen Teile vermindert wird. Denn während der eine Teil des Proletariats letzten Ende – obschon im Dienste der deutschen Industrie – für den Ententekapitalismus wird mehr Werte erzeugen müssen, wird es die Aufgabe des anderen Teils sein, gleichfalls – nur auf dem Lande – fremdstaatlichen Kapitalinteressen zu dienen, und andererseits seine genossen im eigenen Land vor dem vollkommenen Verhungern zu schützen.

            Von einer weiteren Folgeerscheinung aber, die der Friedensvertrag in seiner derzeitigen Form mit Notwendigkeit herbeiführen muß, drohen der deutschen Sozialdemokratie und ihrem Bestande Gefahren ganz anderer weit schwererer Art. Eine Verschiebung in der industriellen und agrarischen Produktion wird nicht genügen, um die Deutsche Republik vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Das durch Mangen an geeigneten Maschinen, an Vieh, Düngemitteln und landwirtschaftlich geschultem Personal in seiner Leistungsfähigkeit wesentlich herabgeminderte platte Land wird nicht in der Lage sein, den abgewanderten Teil der industriellen Arbeiterschaft in vollem Umfange aufzunehmen, und so wird sich die Notwendigkeit einer starken Auswanderung ergeben. Hiermit gehen der Sozialdemokratischen Partei wertvolle und wertvollste Elemente verloren. Es schwinden aus ihr diejenigen Genossen, die sich einem etwaigen Stagnationsprozesse der Partei als treibende Kräfte wirksam entgegenzustellen geeignet wären.

            Ein neuer Einwand erhebt sich hier: Werden sie nicht die gleiche revolutionäre Kraft, die sie als klassenbewußte Proletarier in Deutschland bewiesen, und mittels deren sie die deutsche Revolution zum Siege geführt haben, werden sie diese revolutionäre Kraft nicht auch in die Ententeländer mit hinüber nehmen, sie auf ihre Klassengenossen, die unter dem siegreichen Imperialismus und Kapitalismus der gleichen ökonomischen Ausbeutung unterliegen wie ihre deutschen Brüder vor der Revolution, übertragen und hiermit die Grundlage, die Keime zur Weltrevolution pflanzen? Diese Frage bejahen hieße die utopische Auffassung der unabhängigen Sozialdemokratie stärken. Die Weltrevolution wird nämlich nicht von Personen, auch seien die Träger noch so revolutionärer Gesinnung, gemacht, sondern nach der neuerdings von den Unabhängigen verleugneten materialistischen Geschichtsauffassung entsteht sie, wenn die ökonomischen Vorbedingungen für sie vorhanden sind. Selbst wenn man aber annehmen sollte, daß revolutionäre Elemente Träger von Revolutionen zu sein imstande wären, wer ist Illusionist genug zu glauben, daß diese Männer imstande wären, sofort eine neue politische Bewegung im fremden Lande und unter fremden Verhältnissen zu beginnen? Es dürfte wohl niemandem zweifelhaft sein, daß diese Leute, auch wenn sie politisch noch so rege waren, es zunächst und auf lange Zeit hinaus es als ihre wesentliche Aufgabe ansehen, und – wenn sie gewissenhaft sind – ansehen müssen, sich und ihren Familien eine neue Existenz, eine materielle Basis zu schaffen.

            Auch dieser Einwand also dürfte sich als unberechtigt erweisen. Auch die ausgewanderten Proletarier gehen der deutschen Sozialdemokratie, und nicht nur der deutschen, sondern der internationalen überhaupt, als Kampf- und Klassengenossen verloren, und durch ihre Auswanderung wird die deutsche Mutterpartei in ihrem Bestande geschwächt und erschüttert, ohne in etwa neuerstehenden Tochterparteien eine einigermaßen hinreichende Unterstützung zu finden.

            Auch von diesem Gesichtspunkte aus sollte die Frage des Friedensvertrages von allen sozialistischen Gruppen – insbesondere aber von den Unabhängigen und den Kommunisten – geprüft werden, und jeder sollte sich fragen, daß das Interesse der Gesamtpartei auf dem Spiele steht, jeder sollte sich das ernste Wort der alten Römer zurufen: Tua res agitur: Deine Sache steht auf dem Spiele!

1. Titelseite des Vorwärts (01.10.1876)

Quelle:

Der Vorwärts vom 27. Mai 1919, 36:268 (1919), Morgen-Ausgabe, S. 1 f. 

In: http://fes.imageware.de/fes/web/

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Vorwärts_(Deutschland)#/media/File:Vorwaerts_nr_1.png

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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