Formelle Abdankung Wilhelm II. - Nicht mal Monarchisten weinen

Ebenso sang und klangslos, wie bereits im Oktober das Drei-Klassenwahlrecht in Preußen abgewickelt wurde, vollzog sich am 28. November die formelle Abdankung des Königs von Preußen. Wilhelm II. befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Wochen im Exil und durfte keine Hoffnung darauf haben überhaupt nach Deutschland zurückzukehren, geschweige denn schnell. Nachdem sich zu Beginn des November keine nennenswerte Unterstützung für einen Verbleib Wilhelms auf dem Thron abgezeichnet hatte, wurde der Kaiser insbesondere durch 'seinen' Reichskanzler Max von Baden zum Verzicht auf die preußische Krone gedrängt, was gleichzeitig einen Verzicht auf die hiermit in Personalunion verbundene Kaiserkrone bedeutete. Nach Wilhelms Widerwillen gegen diesen Schritt, verkündete von Baden eigenmächtig dessen Abdankung, was von der preußischen Generalität gedeckt wurde. Wilhelm reiste - so vor vollendete Tatsachen gestellt - in die neutralen Niederlande, um einer Verurteilung in Deutschland oder gar einer Auslieferung an die Entente zu entgehen.

Wilhelms "Flucht" wurde nicht nur in konservativen Kreisen als schmähliches Einknicken vor der Revolution empfunden. Während das Leben Wilhelms oder seiner Familie, entgegen seiner Behauptungen, nicht in Gefahr war, galt dies für seinen Besitz nicht. In allen deutschen Fürstentümern hatte es vielfältige Verstrickungen zwischen dem Staatseigentum und den Dynastien gegeben. Gartenanlagen, Schlösser, Theater, Kunst- und Einrichtungsgegenstände, sowie Forste und weitere Güter waren im persönlichen Besitz der jeweiligen Fürsten. Mit der Revolution musste eine eine finanzielle Neuordnung zwischen den nun republikanischen Regierungen und den Fürsten geben, die in der Mehrzahl der Fälle gütig getroffen wurde. Insbesondere die kleinen Fürstentümer, wie in Thüringen und Mitteldeutschland, erzielten innerhalb weniger Wochen eine vertragliche Einigung. Die Regelung mit den Hohenzollern war für den künftigen Freistaat Preußen jedoch ein deutlich größeres Problem.

Eine systematische Enteignung der Fürsten wurde nicht vorgenommen, um insbesondere die verbreitete Angst zu mindern, dass eine sozialistische Regierung das Privateigentum nicht achten werde. Wilhelm II. war nun aber geflohen und somit sein Besitz de facto herrenlos. Die preußische Revolutionsregierung nahm daraufhin diesen sehr umfangreichen Besitz als Staatsbesitz in Anspruch, während Wilhelm auf seinen Eigentumsrechten beharrte. Ein jahrelanger Rechtsstreit folgte, welchen die preußische Regierung schließlich verlor. Folge dessen war ein reichsweiter Volksentscheid über eine (nachtragliche) entschädigungslose Enteignung aller Fürsten, bei der 1926 über 14 Millionen Menschen für die Enteignung stimmten. 1 Million war dagegen, womit der Entscheid aufgrund zu geringer Wahlbeteiligung aber dennoch nicht für gültig befunden wurde.

Zwar schreibt Wilhelm II. in der unten stehenden Verzichtserklärung davon, dass er mit seiner Entscheidung Deutschland vor der "Anarchie" schützen wolle, sein Begleitschreiben an den Rat der Volksbeauftragten offenbart jedoch, dass ihm das geschilderte Problem seines Eigentums ebenfalls stark am Herzen lag. Für die Kinder selbstredend...

Quelle 1:

Verzichtserklärung Wilhems II. vom 28. November 1918

Ich verzichte hierdurch für alle Zukunft auf die Rechte an der Krone Preußens und die damit verbundenen Rechte an der deutschen Kaiserkrone. Zugleich entbinde ich alle Beamten des Deutschen Reiches und Preußens, sowie alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Marine, des preußischen Heeres und die Truppen der Bundeskontingente des Treueides, den sie Mir als ihrem Kaiser, König und Obersten Befehlshaber geleistet haben. Ich erwarte von ihnen, daß sie bis zur Neuordnung des Deutschen Reiches den Inhabern der tatsächlichen Gewalt in Deutschland helfen, das deutsche Volk gegen die drohenden Gefahren der Anarchie, der Hungersnot und der Fremdherrschaft zu schützen.

Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedrucktem kaiserlichen Insiegel.

Gegeben Amerongen, den 28. November 1918.                                                 gez. Wilhelm

 

Quelle 2:

Schreiben Wilhelms II. an die Volksbeauftragten, ebenfalls vom 28. November

Ich habe meinen Thronverzicht in der von der Regierung vorgeschlagenen Form vollzogen. Ich spreche dabei die bestimmte Erwartung aus, daß die Regierung gemäß ihrer früheren Kundgebung mein und meiner Familie Vermögen freigibt und auch den uneingeschränkten Schutz von Leben, Ehre und Eigentum der gesamten Königlichen Familie gewährleistet.

Wilhelm II.

Kaiser Wilhelm II im Exil (1933)

Quelle:

Ursachen und Folgen, Bd. 2, S. 579f.

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_II._(Deutsches_Reich)#/media/File:Bundesarchiv_Bild_136-C0804,_Kaiser_Wilhelm_II._im_Exil.jpg

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Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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