Harry Graf Kessler: Es droht ein "Bolschewismus von rechts"!

Am Tag der formellen Abdankung des Württemberger Königs als letztem deutschen Fürsten (faktisch ist er bereits seit dem 9.11. außer Dienst) geht auch für Kessler ein "welthistorischer Monat" zu Ende. In Warschau verschärften sich die Spannungen zwischen sozialistischer Regierung und nationaldemokratischer Opposition - Mit der deutschen Gesandtschaft zwischen den Fronten.

Scheitere aber die geregelte Rückführung der deutschen Truppen aus Ober Ost, so Kessler, dann werde der junge polnische Staat wie von einer "Dampfwalze" überrollt werden. Pilsudski pflichte ihm bei und versprach zum Wohle Polens die Nationaldemokraten und ihren "Bolschewismus von rechts" ebenso zu bekämpfen, wie jenen "von links". Notfalls auch mit Gewalt.

Volltext:

30 November 1918. Sonnabend. Warschau.

Mein polnischer Diener Biskupick meldet Morgens beim Wecken, dass heute Nacht „Tausende von Menschen“ vor dem Haus Ujazdowska 22, wo unsere Büros sind, bis um 5 Uhr früh demonstriert hätten; sie hätten den Sdrusz (Portier) herausgeholt und wissen wollen, wo ich wohnte. Der Sdrusz behauptet, sie hätten gedroht, ihn zu erschiessen, wenn er meine Adresse nicht verrate. Viele Frauen seien bei den Demonstranten gewesen. Sie sind bis in unsere Räume vorgedrungen. –

Heute Vormittag schneit es. –

Nach den Morgenzeitungen, die mir Roth auf dem Büro vorliest, ist gestern Abend um 11 Uhr das Ministerpräsidium von der Menge gestürmt worden; sie haben die Minister haben wollen. Vor unseren Büros ist wahrscheinlich derselbe Pöbelhaufen um 1 Uhr angelangt; Beweis, wie eng die Hetze gegen uns mit der gegen die Regierung zusammenhängt. –

Um 10½ Vormittags wird mir mitgeteilt, dass unsere Gesandtschaftswache den Befehl zum Abmarsch erhalten hat. Daraufhin schicke ich das Personal nachhause, schliesse die Büros und entsende Meyer, um Rücksprache zu nehmen u. zu protestieren, zum Unterstaatssekretär Filippovicz. Er wird wieder Worte, aber keinen Schutz geben. Eine ordnungsmässige Arbeit ist unter diesen Verhältnissen unmöglich. –

Celichowski, der neue Posener Polizeipräsident besuchte mich in meiner Privatwohnung. Er sagt, dass ich offenbar beobachtet werde; unten vor der Tür habe er sehr verdächtige Gestalten herumlungern sehen. Ich steckte ihm, da er heute [Wojciech] Korfanty u. [Wladislaus] Seyda [ehemalige polnische Mitglieder des Deutschen Reichstages, Anm.] sehe, könne er ihnen sagen, nach meiner Ansicht handelten die N.D’s [Nationaldemokraten, Anm.] sehr unvernünftig und gegen das Interesse Polens, indem sie mich zu vertreiben und die Beziehungen zwischen Deutschland u Polen zum Bruch zu bringen suchten. Denn meine Arbeit hier gelte dem Versuch, einen ordnungsmässigen Abtransport der Truppen aus der Ukraine im Einvernehmen mit der polnischen Regierung zu bewerkstelligen. Am Tage, wo diese Verhandlungen abgebrochen würden, würden sich unsere ukrainischen Truppen, 500 000 Mann, wohlausgerüstet mit Artillerie u. Munition, nicht mehr halten lassen und über Polen herfallen, um sich gewaltsam den Weg in die Heimat zu bahnen. Am Tage, wo ich hier abführe, werde sich diese Truppenmasse in Bewegung setzen; und für das, was dann geschehe, müsse meine Regierung jede Verantwortung ablehnen. Ich sei der einzige Damm zwischen Polen und dieser drohenden Lawine; wenn die N. D’s mich beseitigten, werde sie wie eine Dampfwalze über Polen hingehen. Celichowski schien beeindruckt u schlug eine Zusammenkunft zwischen mir und Korfanty vor heute Nachmittag an einem dritten Orte. –

Meyer kam von Filipowicz und sagte, dieser habe sich in Entschuldigungen überboten. Meyer hat in meinem Auftrag Requirierung einer leerstehenden Villa, ausreichenden militärischen Schutz unter einem zuverlässigen und Deutsch sprechenden Offizier und eine Audienz für mich bei Pilsudski gefordert. –

Um 6 Uhr bei Pilsudski. Er ist ins Schloss Belvedere übergesiedelt. Vorfahrt in einem grossen, vornehmen Hof, der dick beschneit und von den hell erleuchteten Schlossfenstern blassrot beschienen ist. Adjutanten und Unteroffiziere flitzen in der Eingangshalle hin und her. Winiawa kommt heruntergeeilt und führt uns in ein Vorzimmer mit steifen Möbeln, in dem ein Papiermaché Modell eines preussischen Gardeducorps aus den Befreiungskriegen unter einer Glasglocke steht; offenbar ein Geschenk Friedrich Wilhelms des Dritten oder Vierten an den Kaiser Nikolaus. Beseler hat es vielleicht ausgegraben.

Nach wenigen Minuten kam Winiawa zurück und führte Meyer u. mich zu Pilsudski hinauf. Er empfieng uns in einem grossen altmodischen, ziemlich leeren Salon im ersten Stock. In Benehmen und Haltung bei aller Einfachheit schon ganz das Staatsoberhaupt. Eine merkwürdige Metamorphose seit meinem Besuch in Magdeburg. Er sieht krank aus, aschgrau und mager; klagte über seine Gesundheit. Die mystischen Augen aber brennen noch im blassen und zerfurchten Gesicht. Sorgenvoll und von einer tiefen Traurigkeit war der Ausdruck. Ich sagte, nachdem der Pöbel in der vorigen Nacht zum dritten Male in meine Gesandtschaft eingedrungen sei, müsse ich gewisse Forderungen stellen: ein eigenes Palais, das militärisch requiriert, jedoch von mir zum vollen Werte bezahlt werden solle (ich schlug Ujazdowska 11 vor, das leer steht und einem abwesenden Russen gehört); eine starke Wache unter einem zuverlässigen und Deutsch sprechenden Offizier. Pilsudski versprach, diese Forderungen unter Vorbehalt einer Rücksprache mit der Regierung zu erfüllen. Entschuldigte sich und setzte hinzu, die Kundgebungen richteten sich ebenso gegen ihn wie gegen mich. Bisher habe er versucht, in Güte auszukommen. Jetzt sei er aber entschlossen, die Unordnung auch mit Gewalt zu unterdrücken. Er habe Befehle gegeben, die vielleicht zu Blutvergiessen führen würden (Indem er dieses sagte, wurde sein Gesicht noch blasser und grauer; ein schauerlicher Kampf und Schmerz war darin sichtbar). Schon heute nacht würden einige Verhaftungen vorgenommen. Die Nationaldemokraten hätten es nicht anders gewollt. Er bedauere die Notwendigkeit; sein Entschluss sei aber fest. Er werde den Bolschewismus von rechts ebenso niederhalten wie den von links.

Allerdings könne er mir nicht verhehlen, dass die Erregung der Bevölkerung gegen die Gesandtschaft nicht ohne Ursache sei. Die Meldungen über Greueltaten unserer Soldaten im Buggebiet, der Ausschluss der polnischen Beamten aus dem zweifellos zum polnischen Staate gehörenden Gebiet von Suwalki [in der Grenzregion zu Litauen, Anm.], die durch das Zurückgehen unserer Truppen in Litauen und Weissrussland verursachte Furcht vor den nachrückenden russischen Bolschewiki böten einen grossen Agitationsstoff. Er müsse mir sagen, dass wenn die Dinge so weiterliefen, er selbst vielleicht in einigen Tagen gezwungen wäre, gewisse Anordnungen zu treffen. (Also ein drittes Ultimatum).

Ich erwiderte, die Leute, die hier zum Bruch und zur Abberufung der Gesandtschaft trieben, schienen mir merkwürdig töricht. Denn wenn es zum Abbruch der Beziehungen und Verhandlungen komme, und unsere Soldaten in der Ukraine dieses erführen, würde Nichts sie halten; sie würden sich selbständig und gewaltsam einen Weg durch Polen in die Heimat bahnen. Meine Abberufung werde das Signal sein, auf das sich diese Masse in Bewegung setze; und ehe die Entente Hilfe bringe, werde Polen schon zerstampft sein.

Pilsudski gab mir völlig recht, selbst der schweigsame Winiawa stimmte zu. Ich sagte dann, die Langsamkeit der Verhandlungen liege zum grossen Teil daran, dass meine Verbindung mit Berlin so äusserst mangelhaft und mein Verkehr mit Oberost zensuriert sei. Wenigstens ein freier Verkehr über den Fernschreiber mit Oberost auch chiffriert müsse ich erbitten, wenn ich wirksam arbeiten solle. Pilsudski gestand mir den Chiffre Verkehr mit Oberost zu unter Vorbehalt einer Rücksprache mit Sczeptycki, der krank zubette liegt. Zum Schluss teilte er mir mit, dass sieben von den deutschen Beamten, deren Freilassung ich verlangt habe, bereits auf dem Wege nach Deutschland seien; die übrigen würden in der kommenden Woche folgen.

Ich habe wieder den Eindruck erhalten, dass Pilsudski einen Ausgleich mir uns fest sucht und fest und klaren Blickes seinen Weg geht; fraglich ist, welche Macht ihm zur Verfügng steht, oder welche Macht er sich noch rechtzeitig schaffen kann. Gegen die Einmischung der Entente und gegen den Bolscheismus genügen Einsicht und Wille nicht. Er selbst sagte, die N.D.s wollten durch alle Mittel und unter Andren durch die Hetze gegen mich einen Zwischenfall hervorrufen, der den Einmarsch der Entente zur Folge habe. Ganz sicher, dass ihnen Dieses nicht gelingen werde, schien er nicht. Nach meiner Unterredung nach Berlin telegraphiert, noch einmal auf die Gefahren der Bugetappen Frage aufmerksam gemacht und wieder dringend um Weisungen gebeten. Seit meiner Ankunft in Warschau habe ich trotz der kritischen Lage und des Ultimatums kein einziges politisches Telegramm oder andres Schriftstück aus Berlin bekommen. Das Ausw. Amt antwortet auf Nichts. Meyer meint, vielleicht sei es so in der Auflösung begriffen, dass Niemand eine Entscheidung zu fällen wage. Nach unverbürgten Nachrichten soll Eisner den Rücktritt von Solf und Erzberger gefordert haben. Meyer sagt, das ganze Amt werde sich mit Solf solidarisch erklären und mit ihm zurücktreten. –

Mit Meyer allein gegessen in einer kleinen Weinstube an der Wyrzbowa. So endet dieser weltgeschichtliche Monat November ’18, der neben dem August ’14 ewig einen denkwürdigen Klang haben wird.

Kessler-Gedenktafel in Weimar

Quelle:

Riederer, Günter, Hilse, Christoph (Hrsg.), Harry Graf Kessler. Das Tagebuch Sechster Band 1916-1918, Stuttgart 2004, S. 674 - 677.

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Harry_Graf_Kessler#/media/File:Kunsthalle_Weimar_4_2013_03.JPG

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
[AB]August Baudert: Sachsen-Weimars Ende. Historische Tatsachen aus sturmbewegter Zeit, Weimar 1923.
[AS]Axel Schildt: Die Republik von Weimar. Deutschland zwischen Kaiserreich und „Drittem Reich“ (1918-1933), hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2009.
[BauerBauer, Kurt, Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, u.a. Wien 2008.
[BihlBihl, Wolfdieter, Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918. Chronik - Daten - Fakten, Wien 2010.
[BüttnerBüttner, Ursula, Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933, Stuttgart 2008.
[DNV]Die Deutsche Nationalversammlung im Jahre 1919 in ihrer Arbeit für den Aufbau des neuen deutschen Volksstaates, hrsg. v. Ed.[uard] Heilfron, Bd. 1 bis 6, Berlin [1919].
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[HildebrandHildebrand, Klaus, Das Dritte Reich, 7. Aufl., München 2010.
[Kessler Tgbb]Harry Graf Kessler. Tagebücher 1918-1937, hrsg. von Wolfgang Pfeiffer-Belli, Frankfurt a. M und Leipzig 1996.
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[PM]Paul Messner: Das Deutsche Nationaltheater Weimar. Ein Abriß seiner Geschichte. Von den Anfängen bis Februar 1945 (Weimarer Schriften, Heft 17), Weimar 1985.
[ThHB]Thüringen-Handbuch. Territorium, Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995, hrsg. von Bernhard Post und Volker Wahl, Redaktion Dieter Marek (Veröffentlichungen aus Thüringischen Staatsarchiven, Bd. 1), Weimar 1999.
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[VU]Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19, München 2009.
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[WirschingWirsching, Andreas, Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft, 2. erw. Aufl., München 2010.

(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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