Harry Graf Kessler: "Wie ich Polens Nationalhelden befreite"

Der Pazifist Kessler war eine der maßgeblichsten Personen, die sich für eine Freilassung Jósef Pilsudskis aus der Haft in Magdeburg eingesetzt hatten. Pilsudski war dort inhaftiert worden, nachdem er stellvertretend für die von ihm geführten Polnischen Legionen der KuK-Monarchie einen Treueeid auf das Deutsche Reich verweigert hatte. Während alle Kriegsparteien (Mittelmächte als auch Entente) versucht hatten über polnische Verbände einen Anschluss zur polnischen Nationalbewegung zu suchen, wobei neben den regulären Verbänden in Russland, dem Deutschen Reich und der KuK-Monarchie die Untergrundorganisation POW hinzukam.

Es gelang Pilsudski nach seiner Rückkehr in Warschau eine dominierende Rolle in der Zweiten Polnischen Republik als Armeeführer einzunehmen. Als "Marszalek" - Marschall - genießt er bis heute den Status des wichtigsten polnischen Nationalheldens. Im Nov. 1918 versprach er Kessler gegenüber sich "selbstverständlich" in Polen für einen Frieden mit Deutschland einzusetzen.

Denkmal Pilsudskis in Warschau

Volltext:

8 November 1918. Freitag. Magdeburg.

Die Sozialdemokratische Parteileitung hat gestern Nachmittag um 5 durch [Friedrich] Ebert u [Philipp] Scheidemann dem Reichskanzler [Max von Baden] eine Erklärung überreicht, in der unter Andrem gefordert wird, dass die Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen bis heute Mittag bewirkt werde. Der Kanzler ist zum Kaiser ins Hauptquartier gefahren. -

Schloessmann kam Morgens um 8 ½  um mir zu sagen, dass der Bahnverkehr mit Berlin unterbrochen sei. Ich beschloss, ein Militär Auto zu requirieren und Pilsudski im Auto nach Berlin zu bringen. Während Schloessmann telephonisch deshalb verhandelte, kamen Nachrichten, dass sich ein grosser Demonstrationszug auf dem Breiten Weg gebildet habe, dass Offizieren die Achselstücke abgerissen und der Degen abgenommen würden. Die Arrestlokale seien gestürmt und die Gefangenen befreit worden. Offenbar war es höchste Zeit, wenn ich Pilsudski überhaupt noch aus Magdeburg hinausbringen wollte. Ich gieng daher mit Schloessmann zum Kommandanten der Kraftfahrtruppen, dem Rittmeister von Gülpen, und bat diesen, mir sofort ein Auto zur Verfügung zu stellen. Gülpen, ein äusserst energischer Mann, der die Armeniergreuel [der Völkermord an den Armeniern 1915-16, Anm.] und den Krieg bei den Türken im Kaukasus mitgemacht hat, erbot sich, selbst zu fahren. Fraglich war, ob die Meuterer bereits die Elbbrücken besetzt hätten. Wir beschlossen daher, uns zu trennen. Gülpen sollte das Auto aus der Stadt hinausbringen und an der Berliner Chaussee jenseits der Elbe warten, während ich mit Schloessmann in die Festung gieng u. Pilsudski befreite. Da man als Offizier nicht mehr unbelästigt über die Strasse gehen konnte, zogen Schloessmann u. Gülpen sich in Zivil um; ich lieh mir von Gülpen wenigstens einen Zivilmantel und Zivilhut.

In diesem Aufzuge giengen Schloessmann und ich durch Seitenstrassen zur Zitadelle. Hier war noch Alles ruhig. Etwa zwei Dutzend Soldaten von der Genesenden Kompagnie lungerten vor dem Tor. Auf der Wache bat der Wachhabende Unteroffizier um Verhaltungsvorschriften. Wir hielten uns nicht auf, sondern eilten über den Hof, zum Hause, in dem Pilsudski und [Kazimierz] Sosnkowski [Stabschef Pilsudskis] interniert waren. Beide giengen zusammen im Garten auf und ab; Pilsudski in polnischer Uniform, Sosnkowski in Zivil. Ich trat auf sie zu und sagte, ich freute mich, ihnen sagen zu dürfen, dass sie frei seien. Der Reichskanzler und die Regierung hätten auf Grund des Berichtes, den ich ihnen über mein Gespräch mit Pilsudski erstattet hätte, und der darin zum Ausdruck gekommenen Gesinnung Pilsudskis, seine Freilassung beschlossen und mich beauftragt, ihm davon Mitteilung zu machen, sowie ihn und den Obersten Sosnkowski nach Berlin zu bringen, damit sie von dort noch heute Abend nach Warschau führen. Pilsudski und Sosnkowski verbeugten sich schweigend, während ich ihnen die Hand drückte. Jetzt musste ich ihnen aber auch noch sagen, dass der Eisenbahnverkehr mit Berlin unterbrochen sei, dass in der Stadt Demonstrationen stattfänden, wir daher zu Fuss über die Elbbrücke und bis auf die Berliner Chaussee hinausgehen müssten, wo uns ein Auto erwarte. Sie möchten das Nötigste zusammenpacken und gleich mitkommen. Schloessmann, der befürchtete, dass die Meuterer die Zitadelle stürmen könnten, mahnte zur Eile.

In einer Viertelstunde hatte Jeder sein Päckchen gepackt, und wir zogen, Pilsudski mit mir, Sosnkowski mit Schloessmann, zur Zitadelle hinaus, die allgemeine Neugier der herumstehenden Soldaten erregend. Pilsudski gieng in seinem alten abgetragenen Soldatenmantel, eine Decke über dem Arm, etwas gebeugt neben mir, nachdenklich und ernst. Er meinte, wir hätten zu lange gewartet; er kenne die Psychologie der Revolution: man müsse entweder sofort energisch unterdrücken (er machte mit der Faust eine Handbewegung) oder sofort Konzessionen machen. Jetzt sei es schon für Beides zu spät. Deutschland werde schwere Zeiten durchmachen. Der Bolschewismus passe nicht für zivilisierte Länder, die gut organisiert seien. Unsere Roten wüssten offenbar selber nicht, was sie wollten. Auch für Polen passe der Bolschewismus nicht. Ich sagte, Polen brauche wie Deutschland Ruhe; weil auch er diese Auffassung habe und daher Friede mit Deutschland wolle, sei er freigelassen worden. Er murmelte: „Selbstverständlich.“ Dann fragte er, ob ich wisse, warum er und Sosnkowski das Eiserne Kreuz, zu dem sie Gerok eingegeben habe, nicht bekommen hätten? Es sei eine Dekoration für tapfere Männer, die man gerne trüge. –

Hinter einer Vorstadt stand Gülpen und führte uns zum Auto. Schloessmann verabschiedete sich; der Wagen wurde angekurbelt, wir fuhren los. Es war ein frühlingswarmer, himmelblauer Tag, etwas feucht und erschlaffend, so dass draussen zwischen Wald und Acker der Gedanke an Feindschaft, Krieg, Revolution bei uns allen Vieren in die Ferne schwand. Pilsudski, der hustete und sich einen alten Filzhut zum Schutz vorm Luftzug vor den Mund hielt, stiess mich einmal an und sagte, so sei die Gegend bei ihm zuhause, ganz heimatlich, dieser arme Boden, die Kiefern und Waldstückchen, nur hügeliger sei es, wo er aufgewachsen sei auf dem Familiengute bei Wilna. Seine Familie sei mit dem Lande von Alters her verwachsen, heisse eigentlich Ginet (Ginaitis), nach dem Gute aber Ginet-Pilsudski; Litauer; er selbst könne aber nur Polnisch, kein Litauisch. Auch Sosnkowski taute auf, fand Gefallen an den Erzählungen von Gülpen aus Armenien. In Genthin machten wir Halt bei einem Molkerei Besitzer Ballhöfer, der auf Gülpens Weisungen ein Mittagsmahl gerüstet hatte, friedensmässig, mit schöner und reichlicher Butter, einer Milchsuppe, Fleisch, Käse, Sahne zum Kaffee. Wir sassen im Molkereigebäude im Oberen Stock, Pilsudski lag glücklich in einem bequemen Rohrstuhl, Sosnkowski meinte, es sei wie ein Märchen, „Tischlein decke dich“. Die ländliche Opulenz und Gastfreundschaft wirkte wie der schöne Tag entspannend.

Eine Anfrage in Brandenburg beim Garnisonältesten ergab, dass dort Alles ruhig sei. Bald nach zwei fuhren wir weiter. „Komfortabel“, wie Sosnkowski beim Losfahren bemerkte. Plaue und Brandenburg waren ganz ruhig. Bei Gross Kreuz bogen wir auf __ ab, um Potsdam zu vermeiden. Erst in Wustermark trat die Unruhe wieder zutage. Das Dorf auf den Beinen, am Bahndamm versammelt, kurz dahinter ein Posten von Landwehrleuten, die uns anhielten, mitten dazwischen ein Husaren Offizier, der jede Kenntnis oder Verantwortung ablehnte. Eben fuhren zwei dicht mit Matrosen besetzte Züge in der Richtung auf Berlin durch; „ Deputationen“, wie der Unteroffizier des Postens erläuterte. Niemand dachte daran, sie aufzuhalten.

Am Reichskanzlerplatz, wo Gülpen wohnt, machten wir Station u. stiegen zu ihm hinauf. Frau u. Kinder empfiengen uns, etwas überrascht. Ich telephonierte an Hatzfeld, um ihm unsere Ankunft mitzuteilen. Er antwortete, weiterreisen könne Pilsudski heute nicht, da der Eisenbahnverkehr eingestellt sei. Zimmer seien im Continental bestellt. Pilsudski u. Sosnkowski sehr niedergeschlagen, als ich ihnen dieses mitteilte. Pilsudski seufzte: „Einen Tag zu spät“; Sosnkowski fragte, ob sie nicht morgen auf einem Extrazuge oder Auto wenigstens bis an die Grenze kommen könnten? Ich brachte sie ins Continental. Beim Abschied bat mich Pilsudski, ob ich ihm nicht einen Degen verschaffen könne, da er in Uniform ohne Degen hier nicht ausgehen könne? Ich sagte, ja, aber allerdings nur einen preussischen, wenn ihn das nicht störe? Nicht im geringsten, antwortete er. Ich versprach ihm einen morgen früh zu bringen. -

Im Vestibül des Continental traf ich Ludwig Stein. Er erzählte: der Kaiser mache Schwierigkeiten mit der Abdankung, das Ultimatum der Sozialdemokraten sei bereits abgelaufen, morgen gebe es Generalstreik, der Prinz Heinrich habe einen Matrosen totgeschossen und sei dann auf einer Dampfpinasse unter der roten Flagge geflohen, in München sei die Republik ausgerufen, eine Republik Baiern mit Einschluss von Tyrol, Curt Eisner sei zum Präsidenten der Republik erwählt. Dem Kaiser gehe es an den Kragen, vor drei Wochen hätte er noch ganz gut leben können, wenn auch in Gefangenschaft, jetzt werde man ihm den Schädel einschlagen. Die Banken zahlten Nichts mehr aus. Ich solle mich nur nicht in Uniform auf der Strasse zeigen; es werde morgen hier ebenso hergehen wie in Magdeburg. Stein ist ganz Revolutionsmann geworden; rot radikal. Ein Zeichen der Zeit. -

Ich fuhr zu mir nachhause. In meiner Strasse marschierte ein Maschinengewehr Zug. Später stand er aufgefahren im Hofe des Potsdamer Bahnhofes umlagert von einer dichten Menschenmenge. Der Anblick dieser Vorbereitungen zum Strassenkampf wirkt offenbar provokatorisch auf die Leute; man merkt es aus den Redensarten.

Quelle:

Riederer, Günter, Hilse, Christoph (Hrsg.), Harry Graf Kessler. Das Tagebuch Sechster Band 1916-1918, Stuttgart 2004, S. 619 - 622.

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B3zef_Pi%C5%82sudski#/media/File:Warschau_Jozef_Pilsudski_Denkmal.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
[AB]August Baudert: Sachsen-Weimars Ende. Historische Tatsachen aus sturmbewegter Zeit, Weimar 1923.
[AS]Axel Schildt: Die Republik von Weimar. Deutschland zwischen Kaiserreich und „Drittem Reich“ (1918-1933), hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2009.
[BauerBauer, Kurt, Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, u.a. Wien 2008.
[BihlBihl, Wolfdieter, Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918. Chronik - Daten - Fakten, Wien 2010.
[BüttnerBüttner, Ursula, Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933, Stuttgart 2008.
[DNV]Die Deutsche Nationalversammlung im Jahre 1919 in ihrer Arbeit für den Aufbau des neuen deutschen Volksstaates, hrsg. v. Ed.[uard] Heilfron, Bd. 1 bis 6, Berlin [1919].
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[HildebrandHildebrand, Klaus, Das Dritte Reich, 7. Aufl., München 2010.
[Kessler Tgbb]Harry Graf Kessler. Tagebücher 1918-1937, hrsg. von Wolfgang Pfeiffer-Belli, Frankfurt a. M und Leipzig 1996.
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[PM]Paul Messner: Das Deutsche Nationaltheater Weimar. Ein Abriß seiner Geschichte. Von den Anfängen bis Februar 1945 (Weimarer Schriften, Heft 17), Weimar 1985.
[ThHB]Thüringen-Handbuch. Territorium, Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995, hrsg. von Bernhard Post und Volker Wahl, Redaktion Dieter Marek (Veröffentlichungen aus Thüringischen Staatsarchiven, Bd. 1), Weimar 1999.
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[VU]Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19, München 2009.
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[WirschingWirsching, Andreas, Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft, 2. erw. Aufl., München 2010.

(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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