Kurt Eisner: "Freunde, Völker! Lasset ab von dem Wahn!"

Nächster Akt des Dramas von Kurt Eisner: Der Ministerpräsident des Volkstaates Bayern spricht am 17. Nov. als Prophet einer neuen Zeitrechnung zur Münchener Gesellschaft. Die ästhetische Kulisse der "Revolutionsfeier" sollte dies wiederspiegeln, wobei Eisner durchgängig quasi-religiöse Sprachbilder entwickelt. Unverkennbar ist neben seinem Bekenntnis zum Zukunfts-Modell einer Rätedemokratie als expliziter Gegensatz zum vermeintlich "undemokratischen" Parlamentarismus auch sein idealistisch-pazifistischer Appell an die Völkerverständigung und eine gewaltfreie Politik.

Eisners auch hier geäußertes Anliegen, die eigene deutsche "Schuld" am Weltkriege zu "bekennen" und hiermit einen Weg hin zur "Versöhnung" zu beschreiten, wird ihm zahlreiche Feinde einbringen, und schließlich ein wesentliches Motiv für seine Ermordung liefern.

Kurt Eisner, ermordet 1919 (© Wikipedia)

Volltext:

Ansprache anläßlich der Revolutionsfeier im Nationaltheater am 17. November 1918

Die neue Ära wurde am Sonntag, 17. November, im Großen Haus des Münchner Nationaltheaters durch eine Revolutionsfeier eingeleitet, zu welcher der Soldaten-, Arbeiter- und Bauernrat die Eintrittskarten vergeben hatte. Keine festliche Auffahrt, keine rauschenden Toiletten, keine blinkenden Ordenssterne und Diademe. Die Karten waren durch das Los verteilt worden, so daß das äußerliche Bild ganz anders war wie bei den Festaufführungen der Vergangenheit. Die Minister SAßen nicht wie sonst nebeneinander, sondern das Los hatte sie im Hause verteilt. So sah man den Finanzminister im Parkett, den Minister des Innern in einem der Ränge, und wieder andere bekannte Persönlichkeiten der Revolutionsbewegung waren "noch höher hinauf" nur mit Operngläsern bewaffneten Augen zu erkennen. Der Soldaten-, Arbeiter- und Bauernrat hatte so ziemlich alle Schichten und Kreise mit Einladungen bedacht, so daß auch das geistige München zahlreich vertreten war. An Stelle der Orden und Diademe vergangener Festaufführungne sah man diesmal als einzige Auszueichnung rote Armbinden oder rote Schleifen.

Die Leonoren-Ouvertüre in schlechthin vollendeter Wiedergabe (dirigiert von Bruno Walter) leitete die Revolutionsfeier ein. Der Vorhang teilte sich und vor geschlossener Bühne stand Kurt Eisner, von Beifall umrauscht. Er verneigte sich leicht und hielt folgende

Ansprache

"Freunde! Die Klänge, die eben an Ihre Seelen gedrungen, malen die Ungeheuerlichkeit eines tyrannischen Wahnsinns: Die Welt scheint im Abgrund versunken, zerschmettert. Plötzlich tönen aus Dunkel und Verzweiflung die Trompetensignale, die eine neue Erde, eine neue Menschheit, eine neue Freiheit ankündigen. So sah Beethoven das Schicksal der Welt. So trug er sein Herz, schwer von Sehnsucht, durch die Zeiten seines gedrückten Lebens.

Das Kunstwerk, das wir eben gehört, schafft in prophetischer Voraussicht die Wirklichkeit, die wir eben erlebt. In dem Augenblicke, da der Wahnsinn der Welt den Gipfel des Entsetzens erreicht zu haben schien, verkünden aus der Ferne Trompetensignale neue Hoffnung, neue Zuversicht.

Freunde! Was wir in diesen Tagen erlebt, ist ein Märchen, das Wirklichkeit geworden. Das Schicksal hat wenige Menschen zur Bestimmung ausersehen, das Fürchterliche, das wir seit 4 1/2 Jahren erdulden mußten, mit einem Streich hinter uns zu werfen. Wir brauchen nicht mehr zurückzuschauen. Wir dürfen heute vorwärts sehen und sind gewiß, daß eine Zeit fruchtbarsten Schaffens uns bevorsteht.

Verehrte Anwesende! Es ziemt sich für mich, heute, wo ich zum ersten Male Gelegenheit habe, vor Ihnen zu reden, vor den breiten Massen zu sprechen, die mit am Werke der Revolution gearbeitet haben, des Mannes zu gedenken, der durch einen Zufall Opfer der Revolution geworden ist. Durch die Zeiten wird einst wie eine Legendengestalt die Person des blinden Bauern aus Niederbayern schreiten, in dessen Kopfe dieses Werk seherisch vorbereitet wurde. Wir, denen es vergönnt war, in diesen Tagen mitzuhelfen, haben bisher kein Wort in die Öffentlichkeit getragen, wie sich diese gewaltige Umwälzung vorbereitet, wie sie sich vollendet. Aber des einen Mannes wollen wir gedenken, des Bauern, des blinden Bauern aus Niederbayern, Ludwig Gandorfer, mit dem ich Arm in Arm an jenem wilden Nachmittag und Abend durch die Straßen Münchens gestürmt bin, an jenem Tage, der die neue Freiheit schuf. Sein Herz war voll der Ahnungen einer neuen Zeit. Und es ist ein grauenvolles Schicksal, daß er den Sieg seines Gedankens nicht überleben durfte. Aber dieses Zusammenarbeiten eines einfachen Schriftstellers, eines geistigen Arbeiters aus der Stadt, mit einem begabten, tapferen, heldenmütigen Bauern vom Lande: das ist ein Anzeichen, ein Symbol der neuen Demokratie, die hier in Bayern, in Deutschland, auf der Welt werden soll.

Was wollten wir? Was wollen wir?

Wir wollten in dem Augenblicke, da Deutschland, da Bayern vom Zusammensturz bedroht war, aus den Massen des Volkes die schaffende Armee der Rettung bilden, das war der Sinn dieser Umwälzung.

Aber Freunde, wir wollen noch etwas anderes. Wir wollen der Welt das Beispiel geben, daß endlich einmal eine Revolution, vielleicht die erste Revolution der Weltgeschichte, die Idee, das Ideal und die Wirklichkeit vereint. Und je mehr uns der Abscheu erfüllte von dem, was die Herrschenden der Vergangenheit über die Welt an Elend, Verwilderung, Grausamkeit gebracht haben, desto mehr waren wir bedacht, menschlich zu sein, nur an die Vernunft der Menschen uns zu wenden. Wir haben heute die Zuversicht, daß es uns gelingen wird, ohne Rückschläge, ohne Gewalt den Weg zur neuen Freiheit zu finden. Wir sind Demokraten und Sozialisten. Wir verstehen unter Demokratie nicht, daß alle paar Jahre alle Bürger das Wahlrecht ausüben und die Welt refieren mit neuen Ministern und neuem Parlament. Wir, die wir eine neue Form der Revolution gefunden haben, wir versuchen auch eine neue Form der Demokratie zu entwickeln. Wir wollen die ständige Mitarbeit aller Schaffenden in Stadt und Land (Stürmisches Bravo.)

Und, liebe Freunde! Wer, wie ich, Gelegenheit gehabt hat, nun in den letzten Tagen diese Tausende von Briefen zu lesen, diese zahllosen Menschen zu sehen, die, von der überraschenden Wendung der Dinge getrieben, an uns sich wenden, für den ist es eine Erschütterung tiefster Art, zu sehen, wie überall draußen ein neuer Enthusiasmus des Schaffens sich regt. Als ob die Millionen nur darauf gewartet hätten, um, befreit von dem Druck, nun mitzuhelfen. Von den Arbeitern, Bauern, von den Schülern, von den Gymnasiasten, in allen Klassen und Ständen hinauf und hinab: von überall kommen die Geängstigten und die Bedrückten und versichern uns: jetzt endlich können wir arbeiten, jetzt endlich sehen wir ein Ziel.

Das ist Demokratie! Und diese Demokratie ist heute schon Wahrheit. Die Vergangenheit ist tot und (mit erhobener Stimme) wehe denen, die versuchen sollten, diese fluchbeladene Vergangenheit neu zu beleben. (Stürmisches Bravo.)

Wir sind Sozialisten, d.h. wir wollen die Hemmungen der wirtschaftlichen Ordnung beseitigen, die auf die Massen wie auf die einzelnen drücken, und erreichen, daß jeder Mensch, der geboren ist, seine Gaben entfalten kann, und in verbürgter Sicherheit des Daseins, die kärglichen Jahre irdischen Lebens, erfüllt von Idealen, beglückt von Arbeit, erschöpfen kann. Gerade heute, wo wir so verbrecherisch mit Menschenleben gespielt haben, ist jedes Menschenleben heilig. Wir rufen über unser Land hinaus zu den Völkern, die gestern noch uns Feinde waren: Wir bekennen unsere Schuld! Und bahnen damit den Weg zu innerer Verständigung und Versöhnung.

Das war der letzte Krieg! Indem wir die Schuldigen an diesem Weltverbrechen beseitigten, so menschlich beiseite schoben, wie noch niemals, mit einer Rücksicht, die jene nicht verdient haben, (Bravo! und Sehr richtig!) aber in fester Entschlossenheit, gerade auch in der Beiseiteräumung des Alten zu zeigen, daß wir Menschen sind, so werden wir weitergehen und bitten Sie um Ihre Hilfe. Wir grüßen, die uns Feinde waren. Wir senden unsere Grüße zu den Völkern Frankreichs, Italiens, Englands und Amerikas. Wir wollen mit ihnen gemeinsam die neue Zeit aufbauen.

Alle, die reinen Herzens, klaren Geistes und festen Willens sind, sind berufen, am neuen Werke mitzuarbeiten. Vergessen wir, was war, und vertrauen wir dem, was wird. Eine neue Zeitrechnung beginnt, und wir, die wir mitgeholfen haben, bekennen in demütiger Ehrfurcht vor dem dunklen Schicksal, das die Menschheit geleitet: Wir danken diesen geheimnisvollen Mächten, daß wir mithelfen dürfen, die Welt zu befreien. Die Freiheit erhebt ihr Haupt, folgt ihrem Rufe!" (Stürmischer Beifall.)

Quelle:

Kurt Eisner, Die neue Zeit, München 1919, S. 30-35.

In: http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00013240/images/index.html?fip=193.174.98.30&seite=34&pdfseitex=

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Eisner#/media/File:WP_Kurt_Eisner_3.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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[ThHB]Thüringen-Handbuch. Territorium, Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995, hrsg. von Bernhard Post und Volker Wahl, Redaktion Dieter Marek (Veröffentlichungen aus Thüringischen Staatsarchiven, Bd. 1), Weimar 1999.
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[VU]Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19, München 2009.
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[WirschingWirsching, Andreas, Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft, 2. erw. Aufl., München 2010.

(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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