Spartakusbund: "Arbeiter! Bereitet den bewaffneten Aufstand vor!"

Der Spartakusbund bildete bis zum Dezember 1918 eine eigenständige Gruppe innerhalb der SPD bzw. später USPD. Der Bund bildete somit den äußersten linken Flügel der parlamentarischen Arbeiterbewegung, wobei zu diesem Zeitpunkt die beiden wichtigsten Führungspersönlichkeiten - Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg - noch in Haft waren. Wie auch aus diesem Flugblatt vom Okt. 1918 hervorgeht unterstützte der Spartakusbund die Oktoberrevolution in der späteren Sowjetunion und erhielt seinerseits von den Bolschewiki (zumindest anfangs rein moralische) Unterstützung. Ein "bewaffneter Aufstand" in Deutschland sollte - so die gemeinsame Sicht - die "Weltrevolution" entscheidend vorantreiben.

Das Problem: die Meuterungen bzw. späteren Aufstände von Militärpersonal in Kiel und andernorts wurden keineswegs vom Spartakusbund iniitiert oder maßgeblich beeinflusst. Weder die Führung der 'Spartakisten' noch dessen entschieden antibolschewistisch eingestellte Gegner, wollten oder konnten dies jedoch einsehen bzw. öffentlich zugeben. Daher erschien es manchen Zeitgenossen so, als ob die spätere Novemberrevolution in Wahrheit ein Auftakt zu einer noch größeren linksradikalen Aktion darstelle.

Dieses Überschätzen des linksradikalen Einflusses auf die Novemberrevolution und speziell die Rätebewegung sollte zu gravierenden Fehleinschätzungen führen und neben der endgültigen Spaltung der Arbeiterbewegung auch das Aufleben des militanten Rechtsradikalismus begünstigen.

Volltext:

Der Anfang vom Ende ist da. Der deutsche Militärstaat wankt. Die Machtkoalition, die der deutsche Militärstaat aufgebaut hat und der er seine Siege in den ersten vier Kriegsjahren verdankt, bricht zusammen. Bulgarien hat den Sonderfrieden angeboten. Die Türkei und Österreich werden folgen. Was dann? Für die deutsche Arbeiterklasse ist das Problem klar und eindeutig vorgezeichnet. Wir müssen die Gunst der Stunde ausnützen. Die äußeren Schwierigkeiten unserer Ausbeuter und Unterdrücker gilt es auszunützen zum Sturz der herrschenden Klasse, um an deren Stelle die Herrschaft der deutschen Arbeiterklasse aufzurichten, was den siegreichen Beginn der Weltrevolution bedeutet. Einen anderen Ausweg aus dem Meer von Blut und Elend gibt es nicht. Alle Zeichen der Zeit verweisen uns auf diesen Weg. Im Innern, in der „hohen Politik“, herrscht Ratlosigkeit. Hertling und Hintze sind [Reichskanzler und Vizekanzler bis zum 30. Sept. 1918, Anm.] sind entlassen worden. Neue Männer sind in die Regierung einberufen worden, um die alte Politik weiterzutreiben oder doch noch zu retten, was zu retten ist. Wir Arbeiter haben von einer neuen bürgerlichen Regierung nicht das geringste zu erwarten; auch jetzt nicht, wo diese Regierung durch einige Regierungssozialisten verbrämt und durch einige scheindemokratische Zugeständnisse aufgeputzt worden ist. Eine solche Hoffnung wäre noch trügerischer als die bereits so schmählich zusammengebrochenen Hoffnungen auf den militärischen Endsieg und die Wirkungen durch den U-Boot-Krieg.

Die Befürchtungen, daß sich die deutsche Arbeiterklasse wieder narren läßt, bestehen diesmal nicht zu Recht. Verlassen und verraten von den hohen Politikern und Parteiführern, haben größere Massen, vor allem Soldaten, instinktiv den rechten Weg gefunden und bereits beschritten. Die Soldaten weigern sich in immer größeren Massen, an die Front zu gehen und für die Aufrechterhaltung des sie ausbeutenden und bedrückenden, für den Krieg verantwortlichen Systems Bütteldienste zu verrichten. Die Arbeiter in der Munitionsindustrie sind gleichfalls drauf und dran, sich für diese entscheidenden Kämpfe vorzubereiten. Bis in weite Kreise des Bürgertums hinein ist unverkennbar eine Stimmung vorhanden, die erfolgversprechend ist. Also nützen wir die Zeit, um uns für diese Kämpfe vorzubereiten! In allen Betrieben, unter den Soldaten an der Front und im Hinterland gilt es jetzt zu organisieren. Die spontanen Meuterungen unter den Soldaten gilt es mit allen Mitteln zu unterstützen, zum bewaffneten Aufstand überzuleiten, den bewaffneten Aufstand zum Kampf um die ganze Macht für die Arbeiter und Soldaten auszuweiten und durch Massenstreiks der Arbeiter für uns siegreich zu machen. Das ist die Arbeit der allernächsten Tage und Wochen. Wir haben nichts zu verlieren, nur alles zu gewinnen. Die unerbetene Hilfe der imperialistischen Ententestaaten darf kein Hindernis sein. Im Gegenteil, wir werden mit ihren imperialistischen Ansprüchen insofern leicht fertig werden, als sie selbst die Revolution im Leibe haben und ihnen von der Arbeiterklasse ihrer Länder das gleiche Schicksal bereitet werden wird.

Der Beginn der deutschen Revolution ist der Anfang der siegreichen Weltrevolution.

Rosa Luxemburg

Quelle:

Spartakus im Kriege. Die illegalen Flugblätter des Spartakusbundes im Kriege. Gesammelt und eingeleitet von Ernst Meyer [KPD], Berlin 1927, S. 223ff.

In: Ursachen und Folgen, Bd. 2, S. 354f.

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Spartakusbund#/media/File:Rosa_Luxemburg.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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