Wendet Euch nicht ab!

Die Grenzkriege in Osteuropa brechen zum Teil bereits 1918 aus. Besonders verlustreich ist der polnisch-sowjetische Krieg, der 1920 mit einem polnischen Angriff auf Kiew ausbricht. Auch die Zivilbevölkerung hat erwartungsgemäß stark unter den Kampfhandlungen, Truppenbewegungen und Kriegsverbrechen zu leiden. Insbesondere Juden werden wiederholt Opfer von Pogromen. Mehrere Zehntausend werden von polnischen, ukrainischen oder sowjetischen Truppen ermordet.

Die internationale Presse ist äußerst betroffen von den Ereignissen. Doch was kann man aus der Ferne tun? Der Autor des folgenden Aufrufes appelliert an die Sittlichkeit aller Weltbürger. Deutschland nimmt immerhin zahlreiche Flüchtlinge auf. Nur ist die Kehrseite davon, dass hierdurch der deutsche Antisemitismus befeuert wird.

Polnischer Einmarsch in Kiew 1920

Volltext:

Gegen die Judenpogrome.

Ein internationales Vorgehen gegen die Judenpogrome im Osten Europas schlägt der Leiter der Deutschen Gesellschaft für staatsbürgerliche Erziehung, Berlin-Halensee, in einer Zuschrift an das Anti-Pogrom-Komitee in Amsterdam vor. Der Brief wird in dem "Algemeen Handelsblad" in Amsterdam veröffentlicht. Wir entnehmen ihm folgendes:

Seit Jahre verfolge ich tieferschüttert die grauenhaften Massacre, die immer wieder im Osten Europas gegen Juden veranstaltet werden. Ohne selbst Jude zu sein, haben diese abscheulichen Mordtaten mich immer wieder aufs tiefste empört. Immer wieder habe ich mich gefragt, warum das internationale Judentum, das doch kulturell und wirtschaftlich einen so ungeheuren Machtfaktor repräsentiert, sich nicht endlich zusammenschließt, das Gewissen der Welt aufrüttelt und durch die Macht seines Einflusses die Kulturwelt zwingt, diesen schamlosen, entsetzlichen Greueln ein Ende zu bereiten.

Als Leiter der "Deutschen Gesellschaft für staatsbürgerliche Erziehung", die in Berlin ihre Sitz hat und deren Arbeitskomitee die angesehensten Gelehrten, u.a. die bedeutendsten Philosophen Deutschlands, angehören, habe ich die Herausgabe des beigeschlossenen "Aufrufes an das amerikanische Volk" veranlaßt. Der Aufruf, der in deutscher und englischer Sprache erschienen ist, wurde von 300 deutschen Bürgermeistern unterzeichnet, die im Namen von 25 Millionen deutschen Staatsbürgern gesprochen haben. In diesem Aufruf ist auf Seite 9 gesagt, daß die "einzige große Tat", die das so anmaßend auftretende Volk des neuen, geeinigten Polens bisher aufzuweisen hat, die grausigsten Judenpogrome sind, die die Welt in den letzten Jahrzehnten gesehen hat.

In vielen Plätzen der Erde ist der Antisemitismus wieder mächtig aufgelodert, vielfach schwelt er, vorläufig noch unsichtbar, unter der Oberfläche. Genähert wird er dadurch, daß immer wieder als Führer des Bolschewismus und der Anarchie Juden auftreten. Keine menschlich schönere und kulturell bedeutsamere Aktion könnte das internationale Judentum unternehmen, als wenn es sich schnellstens der kleinen Elitegruppe holländischer Gelehrter anschließt, die im Begriff ist, einen "Bund der Weltbürger" (Bond der Wereldburgers) zu gründen. Weltbürger aus dem Sonnenlande der Erkenntnis, die wissen, daß ewige und unwandelbare Gesetze in der Sphäre des Unsichtbaren die Ereignisse der sichtbaren Welt vorbereiten und formen. Daß heute das Problem aller Probleme ist, der Menschheit wieder Ehrfurcht vor diesen ewigen Gesetzen beizubringen. Daß es heute keine wichtigere Aufgabe gibt, als die, auf die Weltanschauung der Menschen wieder Einfluß zu gewinnen, ihrem brutalen Materialismus ein geistiges Gegengewicht zu bieten, ihnen den Glauben an Ewigkeitswerte wieder beizubringen und den Glauben an eine Verantwortlichkeit für alle Handlungen über den Tod hinaus. Diesen Glauben, den die Besten aller Zeiten, aller Glaubensbekenntnisse und aller Nationen gehabt haben, und den wir wieder im Herzen der Menschheit zu neuem Leben erwecken müssen, wenn die Welt nicht an immer neuen Katastrophen endgültig zugrunde gehen soll.

Der "Bund der Weltbürger" will eine internationale Einheitsfront herstellen aus allen geistig und sittlich hochstehenden Menschen der Welt, gleichgültig welche Nationalität, welche Konfession und welchen Beruf sie haben. Eine Einheitsfront aus allen Menschen, die es als ihre Lebensaufgabe betrachten, die Menschheit wieder aus dem Sumpf von Haß und Mißtrauen herauszuführen, in den sie geraten ist.

Dieser "Bund der Weltbürger" wird die Worte als Parole wählen, die der große französische Naturforscher Ampère auf seinem Totenbett zu seinen Freunden sprach: "Es soll unter uns von nichts mehr die Rede sein als von dem Ewigen!"

Ich ermächtige Sie gern, von diesen Zeilen in der Oeffentlichkeit den Ihnen wünschenswert erscheinenden Gebrauch zu machen. Ich bin überzeugt, daß die geistig und sittlich auf einer sehr hochstehenden Stufe stehende holländische Presse gern bereit sein wird, diesem Gedanken Ausdruck zu verleihen, daß die Bekämpfung der Judenpogrome in Polen eine Menschheitsaufgabe ist.

Während ich diese Zeilen schreibe, trifft vom polnischen Nationalkomiteee in Paris die Mitteilung ein, daß die russische Sowjetregierung die polnischen und jüdischen Kinder sozialisiert, zur Arbeit zwingt und massenhaft kleine Mädchen totschießen ließ, weil sie von einer ansteckenden Krankheit befallen wurden! Ich weiß nicht, auf welche weitere Greuel die Vertreter der Religionen, ja die ganze gesittete Welt noch warten, wenn auch diese Unmenschlichkeiten wahnsinnig gewordener Bestien, in ihnen noch nicht den sittlichen Zwang auslösen, endlich mutvoll und machtvoll einzugreifen. Wer wird den Sittenlehren der Vertreter der Religion noch Gehör schenken, wenn er sieht, daß diese Berufensten die primitivsten Forderungen der Sittengesetze im praktischen Leben unerfüllt lassen. Die Menschheit ist übersättigt mit Phrasen, sie durstet nach dem Beispiel einer mutvollen Tat.

Solange diese geistig-sittlichen Seuchenherde im Osten Europas weiter bestehn, so lange werden sie immer von neuem die gesamte Kulturwelt infizieren, so lange wird die Welt nicht zur Ruhe kommen! Die breiten Massen der Welt aber sehen in dem jahrelangen Fortbestehen des bolschewistischen Regierungssystems den Beweis seiner Existenzberechtigung. Die tiefen sittlichen Gedanken, die den innersten Kern des Sozialismus bilden, werden durch den Bolschewismus für unabsehbare Zeit diskreditiert. Wann werden die Regierenden, wann werden die sittlichen Elemente der Welt das endlich begreifen?

Quelle:

Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 384 vom 11.8.1919

In: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/kalender/auswahl/date/1919-08-11/2807323X/

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Polnisch-Sowjetischer_Krieg#/media/Datei:Polish_troops_in_Kiev.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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[BauerBauer, Kurt, Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, u.a. Wien 2008.
[BihlBihl, Wolfdieter, Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918. Chronik - Daten - Fakten, Wien 2010.
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[HildebrandHildebrand, Klaus, Das Dritte Reich, 7. Aufl., München 2010.
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[PM]Paul Messner: Das Deutsche Nationaltheater Weimar. Ein Abriß seiner Geschichte. Von den Anfängen bis Februar 1945 (Weimarer Schriften, Heft 17), Weimar 1985.
[ThHB]Thüringen-Handbuch. Territorium, Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995, hrsg. von Bernhard Post und Volker Wahl, Redaktion Dieter Marek (Veröffentlichungen aus Thüringischen Staatsarchiven, Bd. 1), Weimar 1999.
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[WirschingWirsching, Andreas, Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft, 2. erw. Aufl., München 2010.

(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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