Thomas Mann über die Revolution: "Weder trunken noch wild"

Thomas Mann reflektiert über die jüngsten Ereignisse und sieht den Grund für den aus seiner Sicht sehr milden Ablauf der Revolution darin, dass sich niemand bereit gefunden habe den Kaiser zu verteidigen. Wenn aber nicht einmal seine obersten Beamten und Generale ihn stützen, so ist dies deutlichster Beleg für die Überholtheit der Monarchie als Staatsform. Mann sieht sich nicht als "Republikaner", aber einen deutschen "Freistaat" unter Einschluss Österreichs könne er akzeptieren. Dieses Ziel hänge jedoch von der Entente ab, deren Staatsmänner ebenso überholt seien wie Wilhelm II. Mit dem Unterschied, dass diese den Krieg gewonnen haben.

Volltext:

Sonnabend den 10. XI. 18.

Nachrichten über die Ausbreitung der Revolution im Reiche. Die rote Fahne auf dem Berliner Schloß. Das vorschwebende Bild ist: die großdeutsche Republik. - Schmeichelhafter Dankbrief des Gelehrten- und Künstlerbundes für meine Beantwortung der skandinavischen Rundfrage. – Telephongespräch mit Bertram über die Lage, auch die in den feindlichen Ländern, auf die man jetzt hoffend blicken muß. Ich kann sagen, daß mein Verhältnis zur Entwicklung der Dinge, wenn sie ist, wie ich sie hoffe sehen zu dürfen, freundlich, hoffnungsvoll, empfänglich, bereitwillig ist.

Ich war nie »Republikaner«, aber ich habe nichts gegen den deutschen Freistaat mit Einschluß Deutsch-Österreichs und nichts gegen den Fall der Dynastien u. des Kaisertums. Die Kaiseridee, der kaiserliche Name war, nach Bismarcks Wort, eine große werbende Kraft im Sinne der deutschen Einigung, vor 50 Jahren. Heute braucht man meiner Überzeugung nach für die Reichseinheit auch ohne Kaiser nicht zu fürchten. Heute ist das Kaisertum ein romantisches Rudiment, das von Wilhelm II. auch in solchem Sinne dargestellt wurde, auf sehr nervöse, rauschhafte u. provozierende Art, und das sich praktisch wirklich erübrigt.

Ich wiederhole mir u. anderen, daß der Mangel an Widerstand gegen eine Revolution ihre Legitimität und Natürlichkeit erweist. Ich bin befriedigt von der relativen Ruhe u. Ordnung, mit der vorderhand wenigstens alles sich abspielt. Die deutsche Revolution ist eben die deutsche, wenn auch Revolution. Keine französische Wildheit, keine russisch-kommunistische Trunkenheit. Es scheint, daß die Bewegung eher von Links nach Rechts geht, wenn auch voraussichtlich die soziale Gesetzgebung radikal sein wird. Bürgerliche und sachliche Elemente haben teil.

Krell, der mich mittags besuchte, versichert, daß Herzog bereits kalt gestellt ist, und daß Eisner nicht mehr viel zu sagen hat, meint Prof. Bonn zu wissen, den K. traf. In dem Augenblick ferner, wo drüben die Rhetor-Bourgeois-Machthaber fallen, vor allem Clemenceau; wo die Völker sich verbrüdern, wo die Hetze gegen Deutschland sich legt, die empörende Selbstgerechtigkeit der Feinde von den geistig Anständigen niedergeschlagen wird, – in diesem Augenblick regt sich mein kosmopolitisches Wohlwollen, und ich heiße die »neue Welt« willkommen. Sie wird mir nicht feindlich sein und ich nicht ihr. --

Krell brachte den Scheck von 500 M für »Herr u. Hund«. Bei Sonnenschein mache ich wieder einen Park-Spaziergang. Ente und Fruchttartelets zu Mittag. Zeitungslektüre. In der Frankfurter, durch K.'s Mutter erhalten, Korrodi über » Jean Christophe und Buddenbrooks«. Diese werden »der repräsentative Kulturroman des alten Deutschland« genannt. -

Ich korrigierte vormittags u. nachmittags die Abschriften. - Nach der Ruhe Meldung aus der Arcisstr., daß die Waffenstillstandsbedingungen affichiert sind. Sie übersteigen jede Erwartung. Rücknahme der Truppen 30 Km hinter den Rhein. Besetzung von Köln, Koblenz und Mainz. Auslieferung nicht nur der Munition, sondern auch eines so umfangreichen Eisenbahn-Materials, daß unmilitärische Entbehrlichkeit wohl fraglich ist; Auslieferung mehrerer Großkampfschiffe und von 100 Unterseebooten u. s. f. Wird man annehmen? Man muß es – und muß es heute vielleicht doch nicht. Bis wann reicht die Frist? Der Einlauf erfolgte verspätet. Wenn es wahr ist, daß die Italiener nach Hause gehen, daß die Engländer meutern, daß Frankreich in Revolution ist, – dann mögen diese Bedingungen, vielleicht unter Protest, und falls sie erfüllbar sind, immerhin noch erfüllt werden: sie sind bedeutungslos für den Frieden. Die soziale Revolution kann Tirol und das Elsaß bei Deutschland erhalten.

Clemenceau's Prinzip der Garantien und Sicherungen ist in einer neuen Welt ohne Sinn. Was bedeutet Metz, das an Frankreich fallen mag? Was strategische Grenzen? Man wird im Elsaß abstimmen lassen, und es wird zu Deutschland halten. Wird der »Sieg« gegen die Thatsache verblenden, daß Clemenceau, dies Rudiment von Bordeaux, ein mindestens so obsoletes Möbel ist, wie der deutsche Kaiser? Die Gefahr ist Amerika, mit seiner gesicherten republikanischen Mehrheit, seinen kriegsfrischen Truppen, seinem kolossalen Dünkel und seiner sozialen Rückständigkeit. – Machte kurzen Abendgang. Unterdessen hatte Bertram angerufen, um seinem Ekel vor den »Bedingungen« Ausdruck zu geben und zu erzählen: ein Bekannter, der im »Rat« sitze, versichere, am Landtag sei ein Radio-Telegramm angeschlagen, daß in Paris die Revolution ausgebrochen und Clemenceau gestürzt sei.

Beim Abendessen bewegte Gespräche über die »Bedingungen« u. den Geist, aus dem sie hervorgegangen. Es werden 5000 Lokomotiven und 100 000 Waggons verlangt. Später, als ich anfangen wollte, den Roman »Der babylonische Turm« von Ponten zu lesen, ein originelles Werk, wie man sagt, – Anruf H. von Webers: In Berlin, Unter den Linden sei wilde Schießerei, kaisertreue Offiziere verteidigten einzelne Gebäude gegen »Rote Garde«. Andererseits entfalte die bolschiwistisch-kommunistische Spartakus-Gruppe eine gefährliche Thätigkeit, habe den Lokalanzeiger an sich gebracht und propagiere ihr Programm, das alle Macht den Arbeiter- u. Soldatenräten ohne Wahl und Nationalversammlung übertragen will. Da auch in Paris die Revolution wahrscheinlich bolschiwistischen Charakter habe, müsse man Überhandnehmen befürchten, eine Gegenaktion ins Werk setzen und der Regierung publizistisch zur Hand gehen. Vage Vorschläge. Im Übrigen glaubt auch Weber, daß es zur Erfüllung der W. St. Bedingungen garnicht mehr kommen werde.

Einzelheit: Die Norddeutsche Allgemeine heißt »Die Internationale«, bei sonst unverändertem Aussehen. (Leppmann wird dort über die Betrachtungen nicht mehr schreiben dürfen.) - Sprach dann noch mit Krell in der gleichen Angelegenheit. Mühsam soll Polizei-Referent von München sein und alle verhaften, die ihn früher verhaftet haben. Der 22jährige Kriegsminister Königsberger ist abgesetzt, weil er einen alten General gar zu pöbelhaft behandelt hat. Eisner, der es sehr gut meint, improvisiert sehr drollige Ernennungen. Herzog kehrt nach Berlin zurück, wohnt übrigens in den 4 Jahreszeiten und verbringt diesen Abend mit Preetorius. (!) - Die Bevölkerung steht heute Abend mit entsetztem Kopfschütteln vor den »Bedingungen«. - Brachte vorm Abendbrot die Copieen zu Krell, der sie an Preetorius, Martens u. den Schutzverband weiter giebt.

Revolutionäre Soldaten mit der Roten Fahne am 9. November 1918 vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Quelle:

de Mendelssohn, Peter (Hrsg.), Thomas Mann. Tagebücher 1918-1921, Frankfurt am Main 1979, S. 66 - 69.

 

Bild:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8b/Bundesarchiv_Bild_183-B0527-0001-810%2C_Berlin%2C_Brandenburger_Tor%2C_Novemberrevolution.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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