Weltbühne: "Hüte dich Demokratie!"

In der Weltbühne warnt Robert Breuer alias Germanicus die junge Demokratie vor den Gefahren, die ihr gegenüberstehen. Neben den alten Eliten stecken diese vor allem in der Ausgangssituation selbst.

Volltext:

Es wäre kaum verwunderlich, wollte die junge deutsche Demokratie über ihre Erfolge triumphieren; es wird aber klüger sein, ob ihr Gefahren drohen, und wie solche Gefahren abzuwehren sind. Sehr richtig hat das Blatt der münchner Sozialdemokratie darauf hingewiesen, daß der Sieg der Demokratisierung und Parlamentarisierung noch in seiner Weise gesichert erscheint: „Grade die Tatsache, daß das deutsche Volk diesen Sieg nicht aus eigener Kraft errungen, und ferner die andre Tatsache, daß die bisherigen Machthaber das Feld völlig geräumt zu haben scheinen, müssen begründete Zweifel an der Dauer des Umschwungs erwecken.“ Der Artikel der Münchner Post setzt dann auseinander daß offenbar die bisherigen Machthaber so willig sich aufs Altenteil haben abschieben lassen, weil sie der Demokratie gönnen, die große Schweinerei zu irgendeinem Ende zu bringen. Da dies Ende selbst unter den besten Umständen immer noch schlimm genug sein wird, so hoffen die Machthaber von einst mit Bestimmtheit gegen die Demokratie eine tödlich wirkende Waffe zu bekommen: Seht, in solches Elend hat euch die sognannte Volksregierung gebracht – da hätten die Herren und Ritter auch noch auf den Bolschewismus spekulieren, auf das Chaos, in das die junge Demokratie, gehetzt von einem nicht abwendbaren Verhängnis, hineingleiten wird. Wenn erst alles drüber und drunter geht, wird man, so rechnen die Va-banque=Spieler des Feudalismus, den starken Arm schon wieder willkommen heißen, und die Diktatur, die den Zinsfuß rettet, der Konfiskation vorziehen. Was kann die Demokratie tun, um solchen Plänen ihrer Todfeind zuvorzukommen? Da heißt es zunächst, wie gegenüber jeder Gefahr, die richtig Erkenntnis zu haben, daß eben Gefahr im Anzuge ist. Hüte dich, Demokratie! Das muß unser Morgen= und Abendspruch sein. Und dann gilt es, zweierlei immer wieder und ohne Versäumnis zu tun. Erstens ist immer wieder festzustellen, daß das Erbe, das die Demokratie antreten mußte, verschuldet worden ist durch die abgesetzten Vorgänger, und daß die demokratische Regierung zu einem großen Teil nur ausführt, was die abgetretene Regierung hätte ausführen müssen, was zu tun sie abr zu schwach gewesen ist. Im Besondern wird immer wieder unterstrichen werden müssen, daß sämtliche maßgebenden militärischen Stellen gleich die ersten Handlungen der neuen demokratischen Regierung nicht nur gebilligt, sondern veranlaßt haben. Das Andre aber, was die Demokratie gründlich und ohne Verzug vorzunehmen hat, ist die Beseitigung – und zwar die rücksichtlose und umfassende Beseitigung – aller verdächtigen Personen. Hierzu ist nun festzustellen, daß noch heute so und so Ziele, von denen jedes Kind weiß, welche Minierarbeit sie geleistet haben, und wessen man sich von ihnen jederzeit zu vergegenwärtigen hat, lustig auf ihrem alten Posten stehen, wobei noch nicht einmal dafür garantiert werden kann, daß sie wenigstens im Augenblick ihr Hetz= und Putschhandwerk ruhen lassen. Jeder Eingeweihte könnte eine Liste dieser notwendig zu Beseitigenden aufstellen. Die Demokratie kann darum nicht in Verlegenheit sein, wen sie in Pension zu schicken hat, aber sie sollte sich endlich dazu aufraffen, diese mildeste Form der Guillotine arbeiten zu lassen. Schon einmal haben wir gemahnt: Oberpräsidenten= und Landratsdämmerung! Es versteht sich von selbst, daß auch die übrige Bürokratie nicht unterschätzt werden darf. Jeder Geheimrat sollte durchgeprüft werden.

            Wir können uns wohl vorstellen, daß die Arbeit der Demokratie nicht gering ist. Wir wissen auch, daß sie noch mannigfache Hemmnisse zu überwinden hat, bis sie in sich reibungslos funktioniert. Dennoch können wir um der Gefahren willen, die allenthalben der Demokratie auflauern, nicht verschweigen, daß das Tempo, in dem die neue Regierung ihr Programm aufstellt und durchführt und vor allem in das Kleinräderwerk der Maschine eingreift, zu langsam ist. Wir denken dabei selbstverständlich nicht an die immerhin überraschende Dauer, die die verschiedenen Antworten auf Wilsons Noten gebraucht haben; Vorsicht und allseitige Verteilung der Verantwortung lassen sich bei diesen entscheidenden Vorgängen wohl würdigen. Indessen: in ungezählten andern Fällen wäre eine schnellere und durchgreifendere Arbeitsweise ebenso möglich wie erforderlich gewesen. Wir möchten dringend hoffen, daß die rechtzeitige Erkenntnis der Gefahren die erforderliche Temposteigerung auf allen Arbeitsgebieten und nicht zuletzt auf dem der innern Verwaltung sicherstellt.

            Wir wollen immerhin nicht undankbar sein; wir verkennen nicht das bereits Geleistete. Die verfassungsrechtliche Sicherung der praktisch vollzogenen Parlamentarisierung ist begonnen worden. Die Befreiung des Artikels 11 der Reichsverfassung von einem mittlerweile lächerlich gewordenen Absolutismus soll nicht übersehen werden, und ebensowenig wollen wir leugnen, daß die gröbsten Erwartungen des Belagerungszustandes zum mindesten bedroht sind. Aber noch erleben wir täglich Unhaltbarkeiten, noch schienen die Zensur=Offiziere keine neuen Anweisungen bekommen zu haben, noch gedeiht, zum Beispiel, die unerträgliche Vorzensur für die jedesmalige Bewilligung des Ausfuhrstempels der Zeitschriften. Doch das sind schließlich Lappalien, sind nur Oberflächen=Arabesken des Militarismus, dem der eigentliche und entscheidende Feldzug der Demokratie zu gelten hat. Hoffentlich bewahrheitet sich, daß dem ganzen Entartungskomplex schon in dieser Woche vom Reichstag der Garaus gemacht wird. Das Militärkabinett, der Kriegsminister, der große Generalstab und die sogenannte Kommandogewalt müssen der Verfassung und der demokratischen Kontrolle unterstellt werden.

            Hüte dich, Demokratie! Du wirst bestehen müssen, auch wenn dir nicht gelingen sollte, die Aufgabe, die du dir als die größte selbst gesetzt hast, so zu vollbringen, wie du wohl möchtest: der Welt den Frieden wiederzugeben. Wehre dich gegen den Vorwurf, daß du die Schuld trägst, wenn dir deine Absicht nicht gelingt. Das Erbe, das du übernahmst, war zu faul. Du wirst bestehen müssen, auch wenn zuvor es rings um dich Trümmer hagelt.

Robert Breuer

Quelle:

 Die Weltbühne vom 24. Oktober 1918, 14:43 (1918), S. 377-379.

 

Bild:
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Breuer#/media/File:RobertBreuer01.jpg

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Glossar

Abkürzungs- und Siglenverzeichnis der verwendeten Literatur:

ADGBAllgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
AEGAllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft
AfA-BundGeneral Free Federation of Employees
AVUSAutomobil-Verkehrs- und Übungsstraße
BMWBayrische Motorenwerke
BRTBruttoregistertonne
BVPBayerische Volkspartei
CenterZentrumspartei
DAPDeutsche Arbeiterpartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNTDeutsches Nationaltheater
DNVPDeutsch-Nationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KominternCommunist International
KPDKommunistische Partei Deutschlands
KVPKonservative Volkspartei
MSPDMehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands
NSNationalsozialismus
NSDAPNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei; Nazipartei
NVNationalversammlung
O.C.Organization Consul
OHLOberste Heeresleitung
RMReichsmark
SASturmabteilung; Brownshirts
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
SSSchutzstaffel
StGBPenal Code
UfAUniversum Film Aktiengesellschaft
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VKPDVereinigte Kommunistische Partei Deutschlands
ZentrumDeutsche Zentrumspartei
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(zusammengestellt von Dr. Jens Riederer und Christine Rost, bearbeitet von Stephan Zänker)

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